Fälschungsskandal Jägers
Vertrauensbildende Maßnahmen notwendig

Welche erste Lehren lassen sich aus dem Fall der erfundenen Sammlung Jägers ziehen? Wie sieht verantwortungsvolle Arbeit im Kunsthandel aus? Ein Leitfaden für Kunstkäufer.
  • 0

KÖLN. Die dreist konstruierte Geschichte der sogenannten Sammlung Jägers bringt Auktionshäuser, Händler und Experten nicht nur in Erklärungsnöte. Ansehen und Praxis einer ganzen Branche geraten zunehmend in Misskredit. Käufer fragen sich, welcher Expertise eigentlich noch zu trauen ist. Für alle Kunstkäufer sind hier die ersten Lehren zusammengestellt - als Checkliste.

Lehre 1: Dürftige Belege für eine Provenienz reichen nicht aus. Zwei offenbar montierte Schwarzweißfotos und die Aussage eines Freundes, dessen Großvater angeblich selber sammelte und mit Jägers befreundet war, ist eindeutig zu wenig. „Wir handeln erst dann mit einem Werk, wenn wir die notwendigen Fragen an das Objekt gestellt haben“, erklärt der Kölner Kunsthändler Frank M. Berndt. Er ist indirekt Mitbetroffener, denn die Klassische Moderne ist ein Schwerpunkt seines Geschäfts. Berndt, der sich und seine Kollegen bereits mit erhobenen Händen an der Wand stehen sieht, macht deutlich: „Die Händler wollen, dass dieser Fall aufgeklärt wird und es nicht heißt, die ganze Branche sei korrupt, unsolide und dumm.“

Lehre 2: Der Käufer sollte erwarten, dass der Kunsthändler seine Hausaufgaben gemacht hat. „Wenn mir ein hochpreisiges Objekt angeboten wird, gehe ich zunächst davon aus, dass es falsch sein kann“, erläutert Frank Berndt. Wie jeder solide Händler untersucht er Malstil, Motive und Datierung. Dann überprüft er Werkverzeichnisse, wälzt Ausstellungskataloge, sondiert Sekundärliteratur und Quellen.

Lehre 3: Kommunikation ist wichtig. Ein Anruf bei ehemaligen Mitarbeitern alter Düsseldorfer Kunsthandlungen hätte ausgereicht, um herauszufinden, dass von einer Sammlung Jägers bis zu ihrem Auftauchen in einem Christie's-Katalog 1995 nie jemand etwas gehört hatte.

Lehre 4: Ist das Werk dokumentiert, wird ein Restaurator konsultiert. Manchmal reicht schon eine erste Besichtigung, um Übermalungen festzustellen.

Lehre 5: Ein Werk, das sich in einem älteren Werkverzeichnis wiederfindet, sollte der Händler der Nachlassverwaltung noch einmal vorführen, um eine Authentizitätsbestätigung zu erhalten. „Das ist Usus und hat gute Gründe“, sagt Bernd. Denn nicht nur der Kenntnisstand ist inzwischen ein anderer geworden, auch die Zusammensetzung des Komitees, das über das Oeuvre eines Künstlers wacht und das nicht unumstrittene Recht hat, Zu- und Abschreibungen vorzunehmen.

Lehre 6: Der Düsseldorfer Galerist Klaus Schwarzer vertraut in erster Linie dem eigenen Auge und der Stilkritik. Daneben konsultiert er genauso wie die Auktionshäuser auch das Art-Loss-Register.

Lehre 7: Gegen Betriebsblindheit hilft nur das Mehr-Augen-Prinzip und eine gehörige Portion Skepsis. Deshalb den Verkäufer oder Auktionator nach einem naturwissenschaftlichen Gutachten fragen. Das Jawlenski-Archiv zum Beispiel stellt – aus Schaden klug geworden – keine Authentizitätsbescheinigung mehr aus ohne ein flankierendes naturwissenschaftliches Gutachten. Es kostet bei einem Gemälde nur ca. 1.000 Euro. Das ist bei den hohen Summen, die auf dem Spiel stehen, ein überschaubarer Betrag. „Vor 20 Jahren machte es keiner. Die Expertise war ein Monopol des Kunsthistorikers“, erinnert sich Eberhard Jägers, der in Bornheim bei Bonn eines der vier einschlägigen deutschen mikroanalytischen Labore führt.

Wie wenig Sinn die mikroanalytische Untersuchung alleine macht, illustriert folgendes Beispiel: In den 1990er-Jahren wurde Frank Berndt ein kleines Schwitters-Bild mitsamt technischem Gutachten angeboten. Demzufolge sollte das angebliche Erbstück vor 1945 entstanden sein. Belege für die Existenz des Vorbesitzers konnten jedoch trotz detektivischer Nachforschungen in den Melderegistern nicht aufgetrieben werden, sodass Berndt von einem Erwerb vorsichtshalber die Finger ließ.

Die Aussagekraft eines technischen Gutachtens hat ihre Grenzen. „Ich kann nur bestätigen, dass eine naturwissenschaftliche Untersuchung zum Beispiel nicht gegen eine Zuordnung für einen bestimmten Künstler oder eine bestimmte Zeit spricht“, erklärt Eberhard Jägers. „Ich kann nicht die Echtheit testieren“, ergänzt der Wissenschaftler. Wohl aber könne er zu dem Schluss kommen, dass es sich bei einem Bild um eine Fälschung handelt.

Lehre 8: „Kunstexpertise ist ein Machtfaktor und kann, wenn sie falsch eingesetzt wird, einen gravierenden wirtschaftlichen Schaden verursachen“, sagt Rechtsanwältin Friederike Gräfin von Brühl. Auf dem jüngsten Kunstsachverständigentag am 4. November im Kölner Auktionshaus Van Ham machte sie die Problematik des Meinungsmonopols weniger Experten deutlich und plädierte für eine engere Zusammenarbeit von Kunsthandel und Sachverständigen.

Lehre 9: Zu mehr Kommunikation ruft auch Van Ham-Chef Markus Eisenbeis auf. Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Verfolgung in 85 Prozent aller Fälschungsdelikte im Sande verläuft. Ein böswilliger Erwerb sei schwer nachweisbar und das Auktionshaus dürfe identifizierte Fälschungen nicht vernichten. Um zu verhindern, dass solche Arbeiten später wieder oder andernorts in Verkehr gebracht werden, initiierte Eisenbeis eine interne Datenbank, die identifizierte und noch im Umlauf befindliche Fälschungen aufnehmen soll. Das Projekt soll in Kooperation mit dem Bundesverband deutscher Kunstversteigerer (BDK) umgesetzt werden. Auch die VG Bild-Kunst sitzt mit im Boot. Wenn das Urheberrecht eines von ihr vertretenen Künstlers verletzt wurde, kann sie als Nebenkläger die Sachen aus dem Verkehr ziehen.

Kommentare zu " Fälschungsskandal Jägers: Vertrauensbildende Maßnahmen notwendig"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%