„Falling Man“
Von der Unmöglichkeit, nach 9 11 normal weiterzuleben

Der Roman beginnt mit dem Einsturz des ersten Turms: Fünf Jahre hat sich Don DeLillo Zeit genommen für seine Version des 9/11. In Europa wird sie hoch gelobt. Doch viele amerikanische Literaturkritiker äußern sich verhalten bis verärgert über den „Falling Man“.

BERLIN. „Falling Man“ heißt ein Performancekünstler, der die New Yorker kurz nach 9/11 fast zum Wahnsinn treibt. Unvermutet taucht er in der Stadt auf und lässt sich von Balkonen, Hochbahnen und Brücken fallen, gesichert nur mit einem einfachen Gurt. Der amerikanische Autor Don DeLillo macht den Akrobaten zum Titelmotiv seines Buches über den 11. September 2001 und bringt damit eine Mehrdeutigkeit ins Spiel, die seinen Roman „Falling Man“ durchzieht. Die Tragödie wird dem Künstler zum artistischen Akt und zum Spektakel; der gefallene Engel, wie ihn Don DeLillo nennt, scheint die im freien Fall aus den Türmen des World Trade Centers gestürzten Menschen zu verhöhnen.

DeLillos gerade auf Deutsch erschienener Roman, hervorragend übersetzt von Frank Heibert, beginnt mit dem Einsturz des ersten Turmes, aus dem sich Keith Neudecker gerade noch retten kann: „Es war keine Straße mehr, sondern eine Welt, Zeit und Raum aus fallender Asche und nahezu Nacht“ heißt es im ersten Satz. In der Hand eine fremde Aktentasche und den Kopf voller Splitter, „marmorierte Beulen aus Glas und Blut“, findet sich der Büroangestellte vor der Wohnungstür seiner Ehefrau wieder, die er Wochen zuvor wegen einer anderen Frau verlassen hatte. Der Anschlag stellt alles auf den Kopf und drängt zum Verzeihen, wo früher in endlos langen Debatten und ungezählten Therapiestunden jede Verfehlung des Gatten diskutiert worden wäre. „In Zeiten wie diesen ist die Familie notwendig“, erklärt Keith’ Frau Lianne, eine New Yorker Intellektuelle. Und so richten sich Keith, Lianne und ihr Sohn Julian, der seit 9/11 mit den anderen Kindern stundenlang die Flugzeuge am Himmel betrachtet, in ihrem fragilen neuen Leben ein.

Fünf Jahre hat sich Don DeLillo Zeit genommen für seine Version des Terrorakts, die in Amerika und Europa eine völlig geteilte Kritik hervorgerufen hat. Viele amerikanische Literaturkritiker äußern sich verhalten bis verärgert über den „Falling Man“, der dort im Frühjahr erschien; die „New York Times“ spricht gar von einer „fürchterlichen Enttäuschung“. Die deutschen Kritiker dagegen lassen keinen Zweifel daran, dass „Falling Man“ zu den besten Auseinandersetzungen mit 9/11 gehört.

Sicher hatten die Amerikaner von dem 1936 geborenen Autor mehr erwartet, der seit seinem vor 20 Jahren erschienenen Roman „Unterwelt“ als einer der Schriftsteller galt, die mit seismografischer Genauigkeit die Veränderungen der USA beobachten und erfassen. Doch gerade das Episodenhafte, die Beschreibung des banalen Alltags und der weitgehende Verzicht auf eine politische Einordnung des Terrorakts machen das Buch so glaubhaft. Wehrlos ist man den dicht aufeinanderfolgenden Episoden ausgeliefert, die sich mit den eigenen Assoziationen verknüpfen.

Wie in einem Film montiert DeLillo die Szenen und verzichtet auf eine chronologische Reihenfolge – vom Einsturz der Türme und den Stunden danach wechselt der Autor in die ersten Tage und Wochen nach 9/11, und schon bald bewegen wir uns auf das Jahr 2004 zu. Dazwischen Traumsequenzen und Gedankenfetzen, die den Alltag der Hauptfiguren immer wieder durchsetzen; ein stilistisches Mittel, das DeLillo einsetzt, um deutlich zu machen, dass nichts ist, wie es war.

Zu den schwächsten Kapiteln gehören die Rückblenden auf die Terroristen, deren Beweggründe nur kurz angerissen werden. Ein berührender Einfall ist, dass der Autor die Brüchigkeit der Erinnerung gerade durch eine von Alzheimer gezeichnete Gruppe von alten Menschen verdeutlicht, die die Reste ihrer Gedanken an den 11. September auf Zetteln notieren. Schnell, bevor sie in den Windungen der dementen Gehirne für immer verschollen sind.

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