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Familien entdecken den Kleingarten

Deutsche Familien drängen zu Tausenden in die Kleingärten. „Gerade Leute, die nicht aus der traditionellen Kleingartentradition kommen, wollen nun einen Garten pachten“, erklärt Thomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde.

dpa HAMBURG. Deutsche Familien drängen zu Tausenden in die Kleingärten. „Gerade Leute, die nicht aus der traditionellen Kleingartentradition kommen, wollen nun einen Garten pachten“, erklärt Thomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde.

Der „Schrebergarten“ - jahrzehntelang Inbegriff für geharkte Wege, büroklammerhohe Rasenflächen und Gartenzwerge - wird zum Fluchtpunkt gestresster Großstädter mit Kindern. Es sind Architekten, Rechtsanwälte und Medienleute, die die freie Zeit beim Unkraut jäten verbringen und ihren Kindern zeigen wollen, dass Möhren nicht auf Bäumen wachsen. „Und viele Leute aus der Szene, die den Garten als schicke Alternative entdecken“, hat der studierte Gartenbauingenieur beobachtet. „Die extrovertierten 90er haben ihren Zenit erreicht. Nun streben die Menschen zurück zu den Wurzeln“.

„Hier ist eine ganze Menge Arbeit“, sagt Katja Ewald, die die Spielgruppe ihrer dreijährigen Tochter auf der Parzelle im Kleingartenverein „Stubbenkamp“ im Hamburger Stadtteil Lokstedt versammelt hat. „Wenn wir im Urlaub waren, sagen die Nachbarn schon mal: Euer Rasen ist ganz schön hoch. Aber das war es auch an Einmischung“. Beide Elternteile sind auf dem Land groß geworden, nun soll das Töchterchen die eigenen Erdbeeren pflücken. Ein halbes Jahr hat die Familie auf die Parzelle gewartet. Im Durchschnitt liegt die Wartezeit in Metropolen wie Hamburg, Köln und Berlin sogar bei drei Jahren, in München meist deutlich drüber, denn dort ist das Angebot gemessen an der Einwohnerzahl am geringsten.

Das Durchschnittsalter der Pächter der bundesweit mehr als eine Million Parzellen ist in den vergangenen Jahren drastisch nach unten gegangen. Lag das Alter 1997 noch bei 56, ist es heute auf 47 gesunken, weil viele Kolonien in erster Linie junge Familien aufnehmen. Die Entwicklung wäre ganz im Sinne von Namensgeber Daniel Gottlob Schreber. Der Arzt forderte in Zeiten der Industrialisierung Grünflächen als Kinderspielplätze, um den Gesundheitszustand der Kleinen zu verbessern.

Weil viele Hobbygärtner ihre Parzelle bis ins hohe Alter halten, ist die Altersspanne zugleich sehr groß. Interessenkonflikte sind programmiert. In „Stubbenkamp“ will Gartenchef Andreas Carstens die Gemeinschaft gezielt verjüngen und wirbt mit Kinderfesten, Laternenumzügen und Flohmärkten direkt bei der junge Klientel. Nicht zur Freude von Jedermann. Hilde und Dietrich Dorn ärgern sich schlicht über Krach von den Nachbarparzellen. „Es gibt mitunter Gartennachbarn, da könnten die Eltern schon mehr auf ihre Kinder achten“, sagt der 68-jährige Rentner, der seit 26 Jahren seine Parzelle bestellt. Den Kontakt zu den Familien im Verein vermeiden die beiden: „Man grüßt sich, das gehört sich so“.

„Das ist eine neue Form von Spießigkeit. Der Kleingarten steht für Natur, Freiräume, Platz für Kinder und eine neu gefundene Freiheit“, sagt Wolf-Gerhard Wehnert, Vorstand des Landesbundes der Gartenfreunde in Hamburg. „Zugleich sind sie hochkreativ. Hier können sich die Leute austoben“. Dabei gelten immer noch die Vorschriften, die im Bundeskleingartengesetz und den auf seiner Grundlage gefällten Gerichtesurteilen fixiert sind: Ein Drittel der Parzelle Rasen, ein Drittel Obst und Gemüse, kein Abwasseranschluss und das Häuschen nicht größer als 24 Quadratmeter. Aber die Auslegung ist inzwischen längst nicht mehr überall so streng.

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