Film-Festspiele in Venedig
Tops und Flops am Lido

Außenseiter räumten auf der Film-Festival in Venedig Preise ab, berühmte Amerikaner wurden ausgepfiffen. Was bringt die neue Kino-Saison? Eine Bilanz.

Wer hätte gedacht, dass Italiener und Deutsche emotional auf einer Linie liegen können: Ausgerechnet Margarethe von Trottas Beitrag „Rosenstraße“ rührte die Gastgeber auf dem 60. Film-Festival in Venedig zu Tränen. Gleich nach der Premiere klingelte bei der Trotta das Handy. Ein italienischer Kollege berichtete, dass „Rosenstraße“ mehr Applaus bekommen habe als Woody Allens Eröffnungsfilm „Anything Else“.

Der Kritik, ihr Film sei zu sentimental, begegnete die Regisseurin mit den Worten: „So etwas kann nur behaupten, wer seine Gefühle nicht zulässt.“ Als Hauptdarstellerin Katja Riemann für ihre Verkörperung einer mutigen Berlinerin, die ihren Mann vor den Nazis rettet, den Darstellerinnenpreis erhielt, konnten sich selbst die kühlen Deutschen vor Begeisterung kaum halten. Von „Riemann-Comeback“ bis „internationale Renaissance des deutschen Films“ brach eine beispiellose Jubelorgie los. Auch dank Michael Schorrs Satire „Schultze Gets The Blues“, in der ein kleiner Mann aus Mitteldeutschland sein Glück im fernen Louisiana findet – Schorr erhielt dafür in der Sektion Controcorrente den Regiepreis.

Jubel auch für den Gewinner des Goldenen Löwen: Die russische Filmperle „Die Rückkehr“ von Andrey Zvyagintsev hatte Festivalleiter Moritz de Hadeln dem vorangegangenen Filmfest in Locarno abspenstig gemacht. Die Geschichte über einen Vater, der nach langer Abwesenheit zur Familie zurückkehrt, um aus seinen beiden Söhnen Männer zu machen, wurde überschattet: Der 15-jährige Hauptdarsteller ertrank in dem See, an dem der Film entstanden war.

Große Kunst und rasante Unterhaltung bot der Japaner Takeshi Kitano mit „Zatoichi“. Atemberaubende Schwertkämpfe und kunstfertiges Blutvergießen ergeben ein bildgewaltiges Epos, das selbst „Matrix“ wie müdes Ballett aussehen lässt. Kitano wurde dafür als bester Regisseur ausgezeichnet.

Auffällig in diesem Jahr: Die geballte Präsenz der Amerikaner. Neun US-Filme flimmerten über die Leinwände. Umso größer die Enttäuschung, dass kein wirklich großer Wurf dabei war. Hatten die Amerikaner auf der Berlinale noch ein Arsenal hervorragender Filme, langweilten sie am Lido mit Kino von der Stange. Regisseur Robert Rodriguez versagte mit dem dritten Aufguss seines Erstlingshits „El Mariachi“: „Irgendwann in Mexiko“ ist heilloses Geballer als Vorwand für eine belanglose Revolverstory.

Ärgerlich die Spätwerke der beiden Altmeister James Ivory, „Le Divorce“, und Robert Benton, „Der menschliche Makel“, über Beziehungen zwischen älteren Männern und viel jüngeren Frauen: Während Ivory Kate Hudsons Ergebenheit an einen Charmeur mit ironischem Blick betrachtet und damit zumindest ab und zu zum Schmunzeln einlädt, wurde Bentons Film ausgepfiffen. Anthony Hopkins als Professor, der seine schwarze Herkunft verleugnet, wirkt unglaubwürdig, die Liebesszenen zwischen ihm und seiner Filmgeliebten Nicole Kidman hölzern.

Die Anwesenheit amerikanischer Superstars verlieh dem Fest jedoch den nötigen Glamour: George Clooney und Catherine Zeta-Jones präsentierten „Ein ungewöhnlicher Härtefall“, Salma Hayek und Johnny Depp schlugen für „Irgendwann in Mexiko“ die Werbetrommel, und Nicolas Cage reiste mit der Komödie „Tricks“ an. Den internationalen Vergleich wagten aber allein Antonio Banderas und Sean Penn.

Leider ist Banderas in Christopher Hamptons Politthriller „Imagining Argentina“ so schlecht wie nie. Zwischen pathetischen Wut- und Tränenausbrüchen sucht er mit hellseherischen Fähigkeiten während der argentinischen Militärdiktatur nach seiner verschleppten Frau (Emma Thompson).

Subtile Schauspielkunst offenbart dagegen Sean Penn in Alejandro Gonzalez Inarritus „21 Grams“. Penn verzichtet auf große Gesten, um eindringlich die Verletzbarkeit eines Mann zu porträtieren, dem das Herz eines Toten eingepflanzt wurde. Dafür wurde Penn zum besten Schauspieler gekürt. „21 Grams“ konnte aber den Publikumsliebling „Lost in Translation“ nicht vom Sockel stoßen. Regisseurin Sofia Coppola erzählt eine zarte Lovestory im hektischen Tokio mit Bill Murray als abgetakeltem Schauspieler, der dem Zauber einer jungen Amerikanerin erliegt. Der Komiker verzichtet gänzlich auf Albereien und liefert die beste Performance seiner Karriere ab.

Auf neues Territorium wagte sich auch Woody Allen. Mit „Anything Else“ macht er sich wie gewohnt über sexuelle Frustrationen lustig, doch die Neurotikerrolle überlässt er diesmal Jason Biggs, während er selbst einen coolen Waffennarren mimt. Manchmal muss man eben neue Wege gehen, um zu fesseln. Leider hat das in Hollywood noch nicht jeder verstanden.

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