Filmfestival
Heiterer Start in Cannes

Die Stimmung zum Start des Filmfestivals in Cannes war wie das Wetter an der Côte d'Azur: Überwiegend sonnig bis heiter. Mit dem Animationsfilm "Oben" zur Eröffnung ließ sich noch einmal gute Laune tanken, denn die richtig düsteren Themen erobern den Wettbewerb um die Goldene Palme erst in den kommenden Tagen.

HB CANNES. Auf geballte Starpower warteten die Schaulustigen an der Treppe ins Festivalpalais am Mittwochabend vergebens. Dafür sang der britische Popstar Bryan Ferry bei der Eröffnungszeremonie einen zärtlichen Song - zu Ehren des französischen Schauspielers und Chansonniers Charles Aznavour, kurz vor dessen 85. Geburtstag am 22. Mai. Und auch die Rechnung des "Oben"-Produzenten John Lasseter ging auf: Das Publikum der Gala stellte unter Beweis, dass die klobigen 3D-Brillen, ohne die der Eröffnungsfilm nur Kopfschmerzen bereitet, auf der Nase einer Schönheit in Abendrobe durchaus aussehen kann wie ein Designer-Teil. Die anschließende Party gab sich harmlos und setzte mit viel luftiger Zuckerwatte und bunten Süßigkeiten eher auf Familientauglichkeit als auf Glamour.

Der Wettbewerb startete mit den ersten beiden Filmen im Rennen um die Goldene Palme ernsthaft, aber verhältnismäßig konventionell. Die Britin Andrea Arnold (48) zeigt "Fish Tank", die beeindruckende Geschichte einer 15-Jährigen, die aus einem Umfeld voller Aggression und Verwahrlosung einen Ausweg sucht. Mias Verhältnis zur Mutter ist zerrüttet, Hip-Hop-Tanzen ist ihre einzige Ausdrucksform. Als die Mutter einen neuen Freund mitbringt, der dem Mädchen völlig überraschend Freundlichkeit und Unterstützung anbietet, scheint sich eine Tür zu einem besseren Leben aufzutun. Doch die Annäherung endet im katastrophalen Verrat.

Der Chinese Lou Ye ist seit 2006, nachdem er gegen den Willen der Zensoren "Summer Palace" in Cannes gezeigt hat, von der Filmbehörde in Peking mit einem fünfjährigen Arbeitsverbot belegt. Trotzdem hat er nun "Spring Fever" in den Wettbewerb gebracht, eine fatale homo- und heterosexuelle Lovestory. "Eine Blume weiß, wann sie zu blühen hat", heißt es hier poetisch - die Charaktere in dem Film wissen es nicht. "Spring Fever" bietet viele Sex-Szenen bei zugleich unterdrückten Gefühlen, aber vor allem sehr präzise Beobachtungen des globalisierten Alltagslebens in China heute. Er habe seinen Film in Nanjing heimlich drehen müssen, mit Geldern aus Frankreich und Hongkong, sagte der 43-jährige Lou Ye in Cannes. "Ich hoffe, ich bin der letzte Regisseur in China, der auf diese Weise zensiert wird."

Zum Wochenende steigt der Wettbewerb dann in das Thema ein, das von vielen Beobachtern schon als "Neuerfindung des Genre-Kinos" erwartet wird: Horror. Den Einstieg macht der Südkoreaner Park Chan-wook mit seinem zeitgenössischen Vampirfilm "Thirst" (Durst). Danach überlässt Lars von Trier, trotz seiner Flugangst ein Dauergast in Cannes, dem "Antichrist" das Feld, dem Teufel höchstselbst. "Ja, da gibt es eine Menge Blut und Sex", versprach der Däne dem Fachblatt "Variety". Er sei vor zwei Jahren an einer tiefen Depression erkrankt und habe Monate gebraucht, um zumindest wieder 50 Prozent seiner Energie zu erreichen. "Antichrist" sei auch eine Art Therapie gegen sein Leiden gewesen. "Und jetzt muss ich erstmal Cannes überleben", meinte von Trier. "Es kann schrecklich werden, aber das ist ein Teil des Jobs.

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