Filmfestspiele
Berlinale: Einer sucht den Dreh

Die Filmbranche feiert sich auf einer ihrer wichtigsten Messen, der Berlinale. Alexander Khuon ist zum ersten Mal dabei. Am Theater ist er einer der jungen Stars. Doch Theater zahlen nicht sehr gut. Khuon ist auf dem Sprung ins Filmgeschäft. Die Frage ist, ob er beides haben kann: seine Liebe und das Geld.

BERLIN. Als sich die Aufzugtür mit einem mechanischen Rumpeln hinter ihm schließt und er aus dem geräuschvollen Gewirr und Gedränge eines Dachgeschosses hoch über der Stadt hinuntersinkt, zurück in die Nüchternheit dieses Februarnachmittags, stellt er fest, dass es harmloser war als erwartet.

Seine Künstleragentur hatte in den Club eingeladen. Junge Frauen in türkisfarbenen Stewardess-Uniformen im Stil der 70er-Jahre und mit sehr roten Lippen haben darauf geachtet, dass die Gäste gut versorgt sind. All die Schauspieler, Agenten, Regisseure, Caster und Produzenten, die in den Fluren oder auf der Dachterrasse Kontakte knüpfen, Verträge anbahnen oder nach frischen Gesichtern fahnden. Die Filmbranche ist nach Berlin gereist zu einer ihrer wichtigsten Messen, der Berlinale.

Alexander Khuon weiß, dass bei Anlässen wie diesen Karrieren wie seine mit nachsichtigem Lächeln oder mit beifälligem Kopfnicken taxiert und manchmal befördert werden. Dass das dazugehört. Zu Filmfesten und zu seinem Beruf.

„Es wäre gut, wenn du dich zeigen würdest“, hatte der Chef seiner Agentur gesagt.

Khuon gehört zum festen Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin, einem der fünf renommiertesten Theater zwischen Hamburg, Wien und Zürich; er ist einer der besten jungen Schauspieler, die auf einer deutschsprachigen Bühne zu sehen sind. Da sind sich Kollegen, Regisseure und Kritiker einig. Nun lockt ihn das Filmgeschäft.

Er strebt an, was in Deutschland nur sehr wenigen glückt, eine große Karriere am Theater und daneben eine beim Film, ohne dass er sich entscheiden muss für Kunst oder Kommerz, Anspruch oder Geld.

Khuon ist 29, im richtigen Alter, und er hat ein Gesicht, das sich gut vermarkten lässt. Sympathisch, nicht alltäglich, irgendwie rein.

Er spielt in Tschechows „Die Möwe“ neben Corinna Harfouch, die Vorstellungen sind ausverkauft, die Inszenierung ist zum „Theatertreffen“ eingeladen, einer Art Oscar des deutschsprachigen Theaters. Ein Film mit ihm, „Deutschland 09“, läuft auf der Berlinale. Und am Morgen vor dem Abend im Club hat er für eine Theaterpremiere geprobt. Christian Petzold, der Regisseur dreht mit geringem Budget anspruchsvolle Filme, meist mit Nina Hoss in einer Hauptrolle. „Toter Mann“, „Yella“, „Wolfsburg“. „Der einsame Weg“ ist sein erstes Theaterstück. Es kann Khuon nicht schaden, Petzold zu überzeugen.

Dass er vor einem Jahr so zweifelte, erscheint ihm jetzt seltsam fern. Das Stück, die Umstände am Theater, seine Ungeduld, irgendwie hatte alles dazu beigetragen.

„Pornografie“ ist ein zeitgenössisches Drama, es krankt daran, dass es sich für seine Figuren nicht sehr interessiert. Der Regisseur ist jung und unerfahren. Und im Ensemble herrscht eine nervöse Stimmung. Wie üblich, wenn ein neuer Intendant kommt und nicht klar ist, welche Schauspieler bleiben dürfen oder wollen.

Khuon sorgt sich nicht, er hat Angebote.

Am Abend der Premiere beschäftigt ihn das alles nicht. Es ist Freitag, Anfang März. Der Saal ist ausverkauft, die Leute haben bis zu 30 Euro Eintritt gezahlt und ein Recht darauf, dass er sein Bestes gibt.

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