Filmpreis in Cannes
Die Wunderwolke von Cannes

Nach vielen Filmen über Krieg und Gewalt im Wettbewerb von Cannes hat die Jury am Sonntagabend einstimmig das Werk mit dem größten Mitgefühl geehrt. Die Goldene Palme geht an den britischen Regisseur Ken Loach für seinen Film über den Irlandkonflikt.

HB CANNES. Die Goldene Palme für den britischen Regisseur Ken Loach (69) kam überraschend, gab es doch neben seinem eher konventionell inszenierten Irland-Drama „The Wind that Shakes the Barley“ spektakulärere und künstlerisch anspruchsvollere Werke in der Konkurrenz. Der Wettbewerb sei eine „Wolke voller Wunder“ gewesen, sagte der Jury-Vorsitzende Wong Kar-Wai aus China. „Es hat jede Menge Gewalt und Brutalität gegeben“, fasste Jury-Mitglied Helena Bonham Carter ihre Erfahrungen mit der Konkurrenz zusammen. „Wir mussten sehr öde Landschaften betreten.“

Von all den Kriegsfilmen habe der von Ken Loach in der Jury in einer Art „Massenreaktion“ die intensive Rührung ausgelöst. Loach, der Menschenfreund und beharrliche Anwalt der Unterdrückten im europäischen Kino, inszeniert eine Epoche des Irlandkonflikts als tragischen Bruderzwist und appelliert direkt an die Gefühle des Publikums.

Auch der Große Preis des Festivals ging an einen Kriegsfilm: „Flandres“ (Flandern) des Franzosen Bruno Dumont bereitet das Thema aber weitaus spröder auf. Er zeigt eine Gruppe junger Männer aus der Provinz, die in einen nicht näher bezeichneten Krieg im Mittleren Osten ziehen. „Flandres“ verbindet Männlichkeit und Gewalt mit Sprachlosigkeit und freudlosem Sex. Und noch ein historisch verdienstvolles Kriegsdrama kam bei der Abschluss-Gala der 59. Internationalen Filmfestspiele zu Ehren: „Indigènes“ (Days of Glory) über nordafrikanische Soldaten, die für Frankreich im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Die vier jungen Schauspieler aus dem Film bedankten sich für den Darstellerpreis als überschwänglich mit der Hymne der fremden Kämpfer an Frankreichs Fronten und ernteten Ovationen.

Deutsche Filmemacher waren in diesem Jahr nur in den Nebenreihen nach Cannes geladen, heimsten dafür aber gleich mehrere Auszeichnungen ein: Für seinen Spielfilm „Pingpong“ erhielt Matthias Luthardt den Drehbuchpreis des Internationalen Kritiker-Woche. Auch die Kurzfilmer Stefan Müller („Mr. Schwartz, Mr. Hazen & Mr. Horlocker) und Matthias Müller und Christoph Girardet („Kristall“) konnten sich ihren jeweiligen Sektionen über Preise freuen.

Der deutsche Schauspieler Daniel Brühl überreichte den Preis der Jury an Andrea Arnold („Red Road“) aus Großbritannien. Die Caméra d'or (Goldene Kamera) für den besten Erstlingsfilm ging an den Rumänen Corneliu Porumboiu („Was There or Was There Not“).

Der Sieger Ken Loach ist ein „alter Bekannter“ des Festivals an der französischen Küste. „The Wind that Shakes the Barley“, dessen Titel aus einem alten irischen Volkslied stammt, war sein achter Beitrag im Wettbewerb. „Wir alle hoffen, dass dieser Film einen ganz kleinen Schritt darstellt, um die Briten vor ihre imperialistische Vergangenheit zu stellen“, sagte Loach auf der Bühne.

Nächstes Jahr wird das Filmfest an der französischen Küste 60 Jahre alt. Nachdem in diesem Jahr das Fassungsvermögen des sonst eher beschaulichen Urlaubsortes mit Rekordteilnehmerzahlen fast schon erschöpft schien, laufen schon jetzt die Planungen für ein Jubiläums- Festival der Superlative. Zu den Filmen, die momentan in der Hoffnung auf eine Einladung 2007 produziert werden, gehört neben einer romantischen Komödie von Wong Kar-Wai auch etwas Neues von Hans Weingartner. Vor zwei Jahren hatte er mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ den „Bann von Cannes“ für deutsche Werke im Wettbewerb gebrochen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%