Filmstart „Feuchtgebiete“
Der Ekel als Stilmittel

„Feuchtgebiete“ war bereits als Buch höchst umstritten. Wie soll es da mit einer Verfilmung sein, die kein Ekel-Detail ausspart? Das überraschende Resümee: besser. Regisseur Wnendt spendiert dem Film eine starke Story.
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DüsseldorfEines vorweg: Ja, „Feuchtgebiete“ ist manchmal ekelhaft. Oft etwas pervers, und noch viel öfter schwer zu ertragen. Doch die Verfilmung des Erstlingswerks von Charlotte Roche ist noch etwas: Einer der sehenswertesten deutschen Filme der letzten Jahre.
Als „Feuchtgebiete“ 2008 die Bestsellerlisten im Sturm eroberte, war die Kritik groß. Die Deutlichkeit, mit der Charlotte Roche ihre Protagonistin Helen von Sperma, Scheidensekret und Hämorriden berichten ließ, stieß mitunter buchstäblich übel auf. Die Negativ-Reaktionen reichten von Grundsatzdiskussionen über moralische Belehrungen bis zu üblen Beschimpfungen der Autorin. Regisseur David F. Wnendt hat sich nach seinem viel umjubelten Debüt „Kriegerin“ für seinen zweiten Film folglich keine leichte Vorlage ausgesucht. Doch er tut sich selbst, dem Zuschauer und vor allem Charlotte Roche einen gefallen: Der Film ist besser als das Buch.

„Feuchtgebiete“ verliert keine Zeit: Nach nicht einmal drei Minuten sitzt der Zuschauer bereits mit Hauptdarstellerin Carla Juri alias Helen Memel auf der Toilette. Die 18-Jährige behandelt ihre juckenden Hämorriden mit Zinksalbe, die Kamera ist dabei quasi auf ihrem Finger montiert. Das Prädikat „hautnah“ war selten so berechtigt.

Das ganze passiert auf einer versifften Bahnhofstoilette, die schon mal bessere Tage gesehen hat. Das Klo ist ein Hort für Bakterien, was Helen dazu einlädt, ihre Vagina über die Klobrille zu reiben. Dabei tapsen ihre Füße im morastigen Wasser, das vom letzten Rohrbruch nicht beseitigt wurde.
In solchen Szenen ist der Film der Buchvorlage noch sehr ähnlich. Auch Wnendt bedient sich deutlicher Bilder – Genitalien und Schambehaarung erscheinen regelmäßig im Bild. Und auch sonst stellt „Feuchtgebiete“ so ziemlich jede Abstrusität vor, die der menschliche Körper zu produzieren vermag. Dem Zuschauer bleibt wirklich nichts erspart.

Doch dann beginnt Helen ihre Geschichte zu erzählen. Die Mutter (gespielt von Meret Becker) war und ist eine pedantische Hygienefanatikerin, die mit ihrem eigenen Leben überfordert ist. Der Vater (Tatort-Kommissar Axel Milberg) ist zwar ein dufter Typ, aber nie zu Hause. Die Mutter versucht ihre Tochter mit harten Methoden auf das Leben vorzubereiten. So fordert sie Helen dazu auf, von einer etwa zwei Meter hohen Mauer in ihre Arme zu springen. Doch anstatt das Kind sicher aufzufangen, lässt sie Helen mit den Knien zuerst auf die steinige Auffahrt prallen. Mit kalten Augen sagt sie ihrer Tochter Worte, die sitzen: „Vertraue niemandem. Nicht mal deinen Eltern. So wird dir später nicht das Herz gebrochen.“

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