Finanz-Kritik
Ein spätes Buch zur Krise, aber ein gutes

Noch ein Buch zur Finanzkrise, obwohl schon so viele davon gibt? Wilfried Stadler erinnert daran, dass wir uns vor der nächsten Finanzkatastrophe schützen müssen.

Düsseldorf. Der Autor Wilfried Stadler dankt im Vorwort dem Linde-Verlag dafür, dass er noch ein Buch zur Finanzkrise wagt, obwohl es doch schon so viele davon gibt. In der Tat: Wer will hier noch etwas Neues sagen?

Trotzdem ist "Der Markt hat nicht immer recht" ein gutes Buch. Denn Stadler, der die Finanzbranche aus eigener Erfahrung kennt, gibt eine kompakte und trotzdem vollständige, verständlich und flüssig geschriebene Analyse der großen Finanzkrise.

Wer auch immer bisher kein vollständiges Bild von diesem Jahrhundertereignis hat, dem dürfte Stadler mit hoher Wahrscheinlichkeit die fehlenden Mosaiksteine liefern - und dazu auch die historischen Grundlagen. Dabei gleitet er nicht in Bankerschelte ab, sondern macht deutlich, dass die Krise von Fehlern des Systems - nicht der Moral - verursacht wurde.

Der Österreicher spricht ein Problem an, das zur letzten Krise beigetragen hat, aber bei der Diskussion über die Stabilität des Finanzsystems heute keine große Rolle mehr spielt: Die moderne internationale Bilanzierung (IFRS genannt) und die neuen Eigenkapitalregeln (Stichwort "Basel II") sorgen dafür, dass Banken in guten Zeiten zu hoch fliegen und in schlechten Zeiten zu tief stürzen. Die alte Bilanzierung und die Kapitalregeln waren statisch und hatten kaum Einfluss auf die Branchenkonjunktur. Die neuen Regeln sind dynamisch und sorgen dafür, dass in Boomzeiten die Gewinne der Banken überschätzt und ihre Risiken unterschätzt werden; in der Krise dreht sich das um.

Stadlers Forderung ist simpel: zurück zu den alten Regeln. Er verweist darauf, dass nach dem "Gründerkrach" in den 1870er-Jahren eine vormals dynamische Bilanzierung auf die vorsichtige, statische umgestellt wurde. Warum nicht heute ebenfalls wieder zur Vorsicht zurückkehren? Diese Frage wäre in der Tat eine intensivere Diskussion wert. Denn die Finanzexperten reden heute zwar über Verbesserungen der Bilanz- und Kapitalvorschriften, aber nicht über eine grundsätzliche Reform.

Stadlers Buch erinnert daran, dass wir bei der Befestigung des Finanzsystems bestenfalls die Hälfte geschafft haben - in der Beziehung ist es ein Buch zur rechten Zeit. Die Querbezüge zwischen Finanz- und Euro-Krise spricht der Autor zwar an, aber er vertieft sie nicht.

Insgesamt ist sein Buch auch eine Kritik des angelsächsischen Finanzkapitalismus, dessen Basis die Kapitalmärkte bilden. Und diese Kritik bezieht die gängige Ökonomie ein, die zum Teil immer noch an die Unfehlbarkeit dieser Märkte glaubt und so das System ideologisch unterstützt. Der Autor bevorzugt die solideren Wirtschaftsstrukturen des europäischen Kontinents - und bringt das auf die knappe Forderung: "Wertschöpfung statt Geldschöpfung." Recht hat er.

Wilfried Stadler: Der Markt hat nicht immer recht Linde, Wien 2011, 232 Seiten, 24,90 Euro

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