Fiona Tan
„Ich bin eine Künstlerin, die mit Video arbeitet“

Als Malerin würde sie mehr verdienen, meint Videokünstlerin Fiona Tan. Aber darauf kommt es ihr nicht an. Menschen sind ihr großes Thema. Tans Kamera beobachtet still und in langen Einstellungen. Ihre Fans sind eine kleine Schar leidenschaftlicher Video-Sammler.
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LONDON. Filmemacher oder Video Artist? Fiona Tan überlegt im Lärm der Londoner Café Bar, fragt, was der Unterschied ist und antwortet bestimmt. "Ich bin eine Künstlerin, die mit Video arbeitet". Sie hat sich Orangensaft bestellt, die Jacke behält sie an, denn sie ist müde und will sich vor der Eröffnung ihrer Londoner Galerieausstellung noch hinlegen. Trotzdem beantwortet sie jede Frage präzise. Keinesfalls will die kleine, drahtige Künstlerin von einem Journalisten in eine falsche Schublade gesteckt werden. "Video Artist würde bedeuten, dass ich nur mit Video arbeite und das ist weit von der Wahrheit entfernt. Ich zeichne, fotografiere und schreibe auch."

Tatsächlich zeigt die Amsterdamerin mit dem australischen Pass neben ihrem neuen 45-minütigen Film "Cloud Island" auch Fotografien und das "Sound Piece" "Brendan's Isle" in der Ausstellung. Zwei Werke also, in denen es um Inseln geht, um Ferne, Konzentration, Rückzugsutopien.

Alte Männer warten auf den Tod

"Cloud Island" zeigt die Einwohner der kleinen japanischen Inland-Insel Inujima bei ihrem Alltagsleben. Sie sind alt, ihr Dorf zerfällt, alte Industrieanlagen rosten, mittendrin bauen Künstler neue Pavillons. Alte Männer sitzen tatenlos in ihren Sesseln und warten auf den Tod. Frauen haben noch ein bisschen zu tun. Sie kaufen ein, warten am Hafen auf das Schiff, blättern in den alten Alben. Der Film zeigt, wie mitten im Leben eine Gemeinschaft stirbt, eine melancholische Studie der Zeit, die nicht nur die Menschen im Film in ihrem Warten einhüllt, sondern auch die Betrachter auf ihren Sitzsäcken in der Galerie, die von der gefilmten Zeit langsam aber sicher aus sich selber entfernt werden.

Arbeiten mit einem lächerlichen Budget

"Filmemacher" würde noch weniger passen, fährt Fiona Tan dann in ihrem australischen Englisch fort. Das impliziert die Zwänge von Kino oder Fernsehen, wo die Dauer der Arbeit vorgegeben ist. 90 Minuten für Spielfilme, 25 Minuten für einen kleinen Fernseh-Sendeplatz. Man muss Verträge unterzeichnen und Drehbücher vorlegen. Produzenten und Vertriebsleute sehen einem über die Schulter. "So kann ich autonom arbeiten und das verlange ich auch. Ich bin zwar extrem eingeengt, weil ich mit lächerlichen Budgets arbeiten muss im Vergleich zum Mainstream Kino. Aber ich beschwere mich nicht."

Grund zur Beschwerde hat sie nicht. Arbeiten von Tan sind in diesem Herbst bei der Architektur Biennale in Venedig, bei der Biennale von São Paulo, in Krefeld, im Kunstzentrum der Sammlerin Helga de Alvear im spanischen Cáceres zu sehen und ihre Retroskeptive "Rise and Fall" ist von Vancouver nach Washington weitergezogen. Tans Galeristin Charlotte Schepke ist nicht verwundert über diesen Erfolg. "Fiona ist so erfolgreich, weil ihre Arbeiten in der ganzen Welt verstanden werden."

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