„Flüchtlinge“ ist Wort des Jahres: Möge das Denken die Sprache prägen

„Flüchtlinge“ ist Wort des Jahres
Möge das Denken die Sprache prägen

Der Begriff „Flüchtlinge“ war 2015 in wirklich aller Munde – und ist zurecht zum „Wort des Jahres“ gewählt worden. Dabei weckt er bei vielen zunächst negative Assoziationen. Doch das muss nicht so bleiben. Ein Kommentar.

„Lichtgrenze“: Wer nicht in der Hauptstadt wohnt oder besonders kulturinteressiert ist, musste das Wort des Jahres 2014 – den Namen einer Berliner Kunstinstallation zum Mauerfall – erst einmal nachschlagen. Das ist in diesem Jahr anders. Denn mit „Flüchtlinge“ hat die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) einen Allerweltsbegriff gekürt: Vermutlich hat ihn jeder im vergangenen Jahr mehr als einmal gehört, gelesen oder ausgesprochen, darüber nachgedacht oder war sonst von den damit Bezeichneten, also den Geflüchteten selbst, in irgendeiner Weise betroffen. Das Thema ist allgegenwärtig, mehr noch als „Grexit“, VW- und Fifa-Skandal zusammen.

Die Wahl der GfdS war zu erwarten. Und doch wird sie dadurch nicht weniger bedeutsam. Denn der Zuzug von Millionen Migranten, großteils aus einem fremden Kulturkreis, wird Deutschland und Europa sehr wahrscheinlich langfristig verändern. Umso wichtiger also, einen Blick auf das Rüstzeug zu werfen, mit dem die demokratische Gesellschaft genau diese Veränderungen aushandelt: im Gespräch, im Streit – mit Worten.

Zurecht weist die Jury in ihrer Begründung deshalb darauf hin, dass der Begriff „für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig“ klingt. Denn Assoziationen mit negativ konnotierten Begriffen wie „Eindringling“, „Schreiberling“ oder „Wüstling“ sind naheliegend. Und eigentlich positiv konnotierte Wörter wie „schön“ wecken erst durch durch den Zusatz „-ling“ negative Vorstellungen.

Der Partizipkonstruktion „Geflüchtete“ räumen die Sprachwissenschaftler indes wenig Chancen ein, den problematischen Begriff zu ersetzen. Das ist schade. Denn Sprachbilder prägen unser Denken und darüber die Wirklichkeit – das ist seit Jahrzehnten Konsens in der Wissenschaft. Gibt es für eine Bevölkerungsgruppe lediglich negative Begriffe, dürfte diese Gruppe auch mehrheitlich nur negativ wahrgenommen werden. Auch deshalb wird heute weitgehend auf die Bezeichnung „Asylant“ verzichtet.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Die Bedeutung von Begriffen kann sich wandeln. Als „Freigeist“ beispielsweise wurden im Deutschland des 18. Jahrhunderts abfällig Menschen bezeichnet, die sich von der Religion losgesagt hatten. Auch der „Wissenschaftler“ stammt als Beleidigung aus dieser Zeit. Heute genießen die damit Bezeichneten ein hohes Ansehen. Die positive Wirkung des Freidenkens und der Wissenschaft als Phänomene haben hier die zunächst negative Bedeutung überstrahlt – und aus der Beleidigung ein Kompliment gemacht.

Angesichts der Euphorie und Tatkraft, mit der Tausende Freiwillige dabei mithelfen, die große Herausforderung des Flüchtlingsandrangs zu bewältigen, gibt es Grund zu der Hoffnung: Auch bei den „Flüchtlingen“ möge nicht die Sprache das Denken prägen, sondern das Denken die Sprache.

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