„Fly Me to the Moon“ klingt schon beinahe wie ein Fluchtversuch
Das giftige Skorpionweibchen

Katja Riemann will sich nicht zwischen Schauspielerei und Musik entscheiden. Aber warum muss sie unbedingt singen?

Sie sei froh, heute in Düsseldorf zu sein nach einem traumatischem Erlebnis in einem Berliner Hotel zwei Abende zuvor. Mit dieser Begrüßung begann Katja Riemann kürzlich ein Konzert im Düsseldorfer Savoy-Theater. Es klang wie eine Bitte und Drohung zugleich: Tut mir nichts, dann tue ich euch auch nichts. „Sie wirkte auch sehr scheu, zurückhaltend, suchte immer wieder Schutz bei ihrer Begleitband“, so der Eindruck eines männlichen Altersgenossen dieser Kindfrau über vierzig. Die wollte er mal live erleben. Und wie fand er sie nun? Es folgt ein Seufzer, Schulterzucken. Bei ihm hat die singende Schauspielerin wohl eher Beschützerinstinkte als spontane Begeisterung geweckt.

Und was war in Berlin so Schlimmes passiert? Der „Brandenburger Hof“, ein Fünf-Sterne-Hotel mit Sterne-Koch Bobby Bräuer in der Küche, hatte Riemann engagiert zur Unterhaltung nach einem Menü in seinem neu gestalteten Restaurant „Quadriga“. Die Unterhaltung ist sehr anregend – allerdings die untereinander. Nur rund um Klavier und Bass ist’s etwas ruhiger, als die Riemann ein Winterlied in die kalte Aprilnacht haucht. Blass, ungeschminkt und etwas verloren steht sie da, gehüllt, mehr verhüllt in ein schwarzes Mantelkleid. In dessen tiefe Taschen versenkt sie ihre Hände, als seien sie zu kleinen Fäusten geballt.

„Fly Me to the Moon“ klingt schon beinahe wie ein Fluchtversuch. Es will ihr einfach nicht gelingen, die Geister der Gesättigten zu wecken, nachdem das kurze Aha-Erlebnis der optischen Wahrnehmung – „So sieht die also in echt aus“ – vorbei ist. Nur wenige wollen ihr danach noch ein Ohr leihen oder Aufmerksamkeit schenken. Katja Riemann reagiert defensiv, agiert sparsam. So, als singe sie einfach nur noch vor sich hin.

Temperamentvoll wird die zierliche Blonde erst, als sie eine Pause zur Publikumsbeschimpfung nutzen kann. Sie nimmt die Veranstaltung sehr persönlich: Unerhört! „Ich weiß gar nicht, was ich hier soll!“ So erreicht sie zumindest, dass Einzelne sich ein bisschen schuldig fühlen. Vielleicht noch ein bisschen mehr, wenn sie mitten im Gespräch von der Künstlerin stehen gelassen werden.

Peinlich. Ein Missklang für beide Seiten. Solch eine Gesangsdarbietung soll ja keine Einbahnstraße sein, sondern ein Erlebnis, bei dem vom Künstler was rüber- und vom Publikum was zurückkommt. Aber: Man kann kein Publikum verlieren, das man zuvor nicht gewonnen hat.

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