Fokus auf englischsprachigen Markt
Verlage lagern Arbeit nach Indien aus

Wie in der IT- und Finanzbranche nimmt auch bei den Verlagen die Auslagerung von Arbeiten in Niedriglohnländer rasant zu. Ein immer beliebteres Ziel ist Indien: Das Land entwickelt sich zunehmend zu einem wichtigem Medienstandort.

DELHI. Ein Industriegebiet der indischen Hauptstadt zeigt die Zukunft der Verlagsbranche: In einem unscheinbaren Bürohaus, eingehüllt in die Staubwolken vorbeifahrender Laster, beugen sich 90 Grafiker, Illustratoren, Lektoren und Animationsexperten über Apple-Computer. Die Mitarbeiter von 2QA Media arbeiten mitten in Delhi an Kinderbüchern für den europäischen Markt. "Verleger im Westen werden sich zunehmend auf die Konzeption ihrer Produkte und die Suche nach Autoren beschränken", prophezeit Firmengründer Hanut Singh, "den Rest machen wir."

Indien spielt eine Schlüsselrolle beim Bemühen von Verlegern, ihre globale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Vorreiter sind europäische Firmen wie Macmillan, Elsevier, Springer Science, Pearson oder Wolters Kluwer. Wegen hoher Produktionskosten bei geringen Auflagen sind Fach- und Wissenschaftszeitschriften Vorreiter. Große Verlage haben eigene Töchter in Indien. Andere beauftragen Drittfirmen wie Techbooks, Integra oder Ninestars. Die Palette reicht von Satz und Layout über die Grafik bis zum Lektorat. Damit sind bei Macmillan India bereits 200 Mitarbeiter beschäftigt. Außerdem helfen Projektmanager westlichen Verlagen bei der Betreuung von Autoren und Manuskripten.

Indiens Verlags-Offshoring-Branche erwirtschaftete im Vorjahr geschätzte 200 Mill. Dollar. Den Marktforschern von Valuenotes zufolge sollen es bis 2010 über eine Mrd. werden. Das lockt immer neue Anbieter in den Markt. "Fast wöchentlich kommt ein Wettbewerber hinzu", sagt Rajiv Beri, Chef von Macmillan India., wie diese Zeitung Teil der Holtzbrinck-Gruppe. Macmillan fing schon in den 70er Jahren mit der Vergabe von Satzarbeiten nach Bangalore an. Mit 2 300 Angestellten im Offshoring-Bereich zählt die Indien-Tochter heute zusammen mit Techbooks zu den Marktführern der Branche. Der Großteil der Einnahmen stammt nicht aus dem eigenen Haus, sondern von Fremdfirmen.

Für Indiens dominante Marktstellung gibt es mehrere Gründe: Eine über hundertjährige Verlagsindustrie mit britischen Wurzeln verleiht dem Land Branchen-Know-how, und Englisch ist Verkehrssprache der Elite. Vor allem versorgen 2,5 Millionen Universitätsabgänger Offshoring-Anbieter außer mit Grafikern und IT-Experten auch mit Chemikern, Biologen, Mathematikern und Volkswirten. Im Wissenschaftsbereich sind diese als Fachlektoren gefragt. Dazu ist Indien billig: Die Ersparnisse für Kunden in Europa und den USA rangieren zwischen 30 Prozent bei Satzarbeiten und 50 Prozent beim Lektorat.

"Datenumwandlung, Layout oder Satz macht kaum noch eine Wissenschaftszeitschrift in der Heimat", sagt Bhavin Shah von SPI Technologies. Weil schon viele Routinetätigkeiten nach Indien gewandert sind, hat die Offshoring-Welle in diesem Bereich ihren Höhepunkt überschritten. "Das größte Wachstum wartet bei Sachbuchverlagen und am oberen Ende der Wertschöpfungskette", sagt Beri. Im Buchbereich erwartet er in den kommenden Jahren Zuwächse von je 50 Prozent. Auch Lektorat und Projektmangement würden deutlich anziehen. "Konzeption und Verfassen von Inhalten werden Verlage in Europa und den USA kaum aus der Hand geben", skizziert er die Zukunft. Aber Digitalisierung und der Zwang, im Internet zu publizieren, öffneten neue Geschäftsfelder. Ein lukrativer Bereich, in den außer Macmillan auch viele andere indische Anbieter drängen, ist der Entwurf von Anzeigen.

Anders als in technischen Bereichen setzen Sprachbarrieren indischen Spezialdienstleistern bei kreativen Tätigkeiten Grenzen. Der englischsprachige Markt dürfte daher ihr Hauptfokus bleiben. Firmenchef Singh wartet nicht länger auf Aufträge, sondern ergreift die Initiative: Gerade hat sein Team eine Kinder-Sachbuchreihe zum Thema Weltraum entwickelt. Die Idee stieß bei Franklin Watts auf Interesse. Der Verlag bringt die Bücher nun in Europa heraus, übersetzt in mehrere Sprachen. "Auf der Frankfurter Buchmesse wollen wir weitere Ideen bei Kunden testen", sagt Singh.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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