Fotografie
Schock und Schönheit – eine Ausstellung in Düsseldorf

Täglich sind wir mit Tatorten konfrontiert. Und immer wieder die Frage: Was darf, was soll man zeigen? Die Fotografie als Beweismittel an Tatorten – eine Ausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum.

DÜSSELDORF. Das meistveröffentlichte Foto der Welt ist – nein, nicht Marylin Monroe über dem Luftschacht. Auch nicht Einstein mit herausgestreckter Zunge. Es ist das Bild vom Tod des Soldaten Federico Borell García im Spanischen Bürgerkrieg. Der Kriegsfotograf Robert Capa machte es am 5. September 1936 in Cerro Murano, an der Front von Cordoba, genau in dem Augenblick, als der Kämpfer von einer Kugel tödlich getroffen worden war.

Auf den ersten Blick eine unspektakuläre Aufnahme. Auch als Augenzeuge würde man eine solche Szene nicht gleich begreifen können. Aber Capas Wahl des Blick- und Aufnahmewinkels von unten verstärkt die Dramatik. Das Opfer, nicht inmitten, sondern am Rande einer ruhigen Landschaft, mit eingeknickten Knien und seitwärts geneigtem Kopf, scheint aus dem Bild herauszufallen, sein Gewehr in der rechten Hand ist angeschnitten.

Täglich sind wir mit Tatorten konfrontiert. So penetrant, dass man manchmal die Bilder der gleichnamigen Sonntagabend-Fernsehkrimis und die der täglichen Tagesschau emotional kaum noch zu unterscheiden vermag. Und immer wieder die Frage: Was darf, was soll man zeigen?

Die schrecklichsten Tatort-Fotos seien möglicherweise die jüngsten, sinniert Werner Lippert, Leiter des Düsseldorfer NRW-Forums, im Katalog der spektakulären Ausstellung (TAT)ORTE: Überlebende der Terroranschläge in der Londoner U-Bahn schickten Handyfotos vom Tatort an die BBC, unmittelbar nachdem Terroristen Rucksackbomben gezündet hatten. „Die erste Aktion des Mobile Blogging“, nennt es Mobilfunkstratege Shawn Conahan. Ein anderes Wort für Tagebücher des Terrors im Netz.

Die millionenfach gedruckten und ausgestrahlten Bilder des 11. Septembers, die Fotos von Abu-Ghraib, die jüngsten Bilder des Amokläufers von Berlin. Ihre Veröffentlichung macht das Publikum nicht nur zu Betrachtern, sondern uns alle zu Zeugen. Macht Angst vor neuen Tatorten – auch und gerade bei Großereignissen wie der zurzeit laufenden WM.

Was aber passiert, wenn ein Museum zum Tatort einer Ausstellung solcher Bilder des Grauens wird, wie jetzt in Düsseldorf? Wenn der Kontext verändert wird, Tatort-Fotos auf der Biennale in Venedig hängen, Modemacher Benetton sie in einer umstrittenen Kampagne von den Nachrichtenräumen der Medien in den Raum der Konsumwerbung transferiert? Verändert das die Motive, das Sehverhalten, gar Aufmerksamkeit und Achtsamkeit über den Besuch einer solchen Bilderschau hinaus? Für Ausstellungsmacher Werner Lippert eher nicht. „Ich habe manche Bilder 30-mal, 40-mal in der Hand gehabt – ohne abzustumpfen.“

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