Fotografie
Was spontan aussieht, ist inszeniert

Bildet Fotografie ab, oder schafft sie neu? Der Fotokünstler Jeff Wall re-inszeniert Alltagsszenen so, dass man ihnen die Studioarbeit niemals ansieht. Der Markt honoriert, dass pro Jahr nur wenige Werke entstehen.

BrüsselSchulterlanges Haar, Jeans und - Turnschuhe. Seine fast 65 Jahre sieht man ihm nicht an. Der Kanadier Jeff Wall kommt lässig sympathisch daher und scheint die Ruhe gepachtet zu haben. Unermüdlich beantwortet der gefeierte Fotograf die Fragen der Journalisten. Anlass ist eine große Schau, die er gemeinsam mit dem belgischen Kurator Joël Benzakin für den Palast der Schönen Künste in Brüssel konzipiert hat.

"The Crooked Path" heißt sie, angelehnt an das gleichnamige Bild von 1991, das im Eingangsbereich zu sehen ist. Ein Trampelpfad, der sich durch ein brachliegendes Gelände am Rande eines Industriegebiets schlängelt. Ein Pfad, der dazu einlädt, auf Entdeckungstour zu gehen. Ein Pfad, der symbolisch für ein letztes Stück Natur steht, bevor auch dieses dem Fortschritt weichen muss. Nichts Spektakuläres, aber ein Jeff Wall. Und damit spektakulär genug, um bei Christie's für 351.150 Dollar versteigert zu werden.

2008 übertraf Jeff Wall mit "The Well" bei Sotheby's sogar die Eine-Million-Dollar-Marke. Jeff Wall erarbeitet sehr langsam seine streng durchkomponierten, doch wie beiläufig daherkommenden Bilder aus Tausenden von Einzelaufnahmen. Es gibt wenige Arbeiten pro Jahr, aber viele Sammler, die ihn sehr schätzen. Dennoch zählt Wall nicht zu den teuersten Fotografen der Welt.

An deren Spitze steht der Düsseldorfer Andreas Gursky, dessen Monumental-Aufnahmen seit fast 20 Jahren Höchstpreise erzielen. Sein zweiteiliges Großfoto "99 Cent II", das die bunten Regalreihen eines amerikanischen Supermarktes in Szene setzt, wechselte bei Sotheby's für 3,3 Millionen Dollar den Besitzer und gilt als bislang teuerste Fotografie aller Zeiten.

Jeff Wall ist mit meist sechsstelligen Preisen "günstiger" zu haben. Gleichwohl zählt der Kanadier einer aktuellen Listung von Art Report zufolge mit Platz 8 zu den 30 "aufsehenerregendsten" Fotokünstlern der Welt. Ein Grund dafür dürfte sein, dass der studierte Kunsthistoriker seit den 70er-Jahren das Wesen der Fotografie entscheidend mit geprägt und auch verändert hat. Sein Verdienst ist es sicherlich mit wenigen anderen, die Fotografie aus der künstlerischen Belanglosigkeit in die heiligen Hallen der Kunstmuseen gehoben zu haben.

Außerdem gilt Wall als Begründer der konzeptuellen Fotografie. Seine nur auf den ersten Blick spontan wirkenden Fotos beruhen auf streng durchdachten Konzepten. Einflüsse von Film, Malerei und Bildhauerei sind dabei unverkennbar. Mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen bezieht sich der mehrfache documenta-Teilnehmer auf die klassische Dokumentarfotografie und deren traditionelles Engagement für sozial am Rand der Gesellschaft agierende Schichten sowie auf den neorealistischen Film.

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