Fotografin Diane Arbus
Absage an die Pose

Die amerikanische Fotografin Diane Arbus schockierte und ist trotzdem oder gerade deshalb Kult. Ihr ungeschönter Blick gilt ihren Landsleuten. In der Berliner Ausstellung sind jetzt über 200 ihrer Fotos zu sehen.
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Berlin Ihre Fotos hatten Schockwirkung, aber sie wahrten immer die Distanz zum Bildobjekt. Nur 15 Jahre währte die Karriere der amerikanischen Fotografin Diane Arbus, die zu den Klassikern des Fotomarktes zählt. Als sie 1971 den Freitod wählte, hinterließ sie mehr als 7 000 Kontaktstreifen, die in ihrer Dunkelkammer in Boxen gestapelt waren. Heute sind die eigenen Abzüge und die seit 1972 von dem Fotoassistenten Neil Selkirk in peniblem Arbeitsprozess erstellten Prints wichtige Zeugnisse einer Fotografie, die das unverstellte Menschenbild fordert. Eine grandiose Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau gibt mit über 200 Fotos - die meisten sind posthume Prints - tiefe Einblicke in das Gesamtwerk.

Nicht zuletzt dank diesen meist in einer Auflage von 75 Exemplaren edierten Abzügen wurde Diane Arbus zu einer Ikone der Schwarz-Weiß-Fotografie im 20. Jahrhundert. Als eine der Ersten ihrer Zunft widmete sie sich Außenseitern, Freaks und Exzentrikern. In ihren wertneutralen, nie voyeuristischen Porträts figurieren Behinderte, Transvestiten, Nudisten, Sonderlinge aller Couleur. Das Anormale wird zum beherrschenden Bildprogramm. Das Kameraauge schützt und entlarvt zugleich das extrem Private, ohne es zu denunzieren. Das Entscheidende ist, dass die Fotografin auch bei oft befremdlichen Sujets den Menschen ihre Würde lässt.

Der verkrampfte Knabe im Central Park mit einer Spielzeug-Granate, der tumbe Nationalist mit dem Button "Bomb Hanoi", das nackte Spießerpaar in der kahlen Zelle eines Nudistencamps, die vier aufgedonnerten Besucher einer New Yorker Galerie-Vernissage - sie sind längst zu fotogeschichtlichen Kontrastbildern des amerikanischen Traums geworden.

In einem ihrer berühmtesten Fotos blicken uns zwei Mädchen an, eineiige Zwillinge: die eine skeptisch, die andere freundlich. Ihre statuarische Distanz wird dadurch nicht aufgehoben. Die "spontane Glaubwürdigkeit", die solchen Fotos attestiert wird, erschöpft sich nicht im Augenblick, sie wirkt in unserem Bildgedächtnis nach.

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