Fotokunst
In Augenhöhe mit Sonderlingen

Gundula Schulze Eldowys frühe Fotografien porträtieren Alte, Versehrte und zu kurz Gekommene. Schauplatz ist das Berlin der späten siebziger und achtziger Jahre. Der Kunstmarkt hat die Künstlerin spät entdeckt. Amerikanische Sammler sehen Parallelen zum Werk von Diane Arbus und Lisette Model.
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Wo kamen nur die vielen Alten her, die Omas mit den Einkaufsnetzen, die bärtigen Biertrinker und Sonderlinge, die halbblinde Briefträgerin, die in konzentrierter Verzweiflung versucht, eine Briefanschrift zu entziffern? Alte, Versehrte, zu kurz Gekommene: die Kriegsgeneration, die im Osten doppelt verloren hatte. Zwischendrin immer wieder Kinder, die damals noch auf der Straße spielen durften. Das Personal, das Gundula Schulze Eldowys frühe Fotografien bevölkert, kündet von einer untergegangenen Welt. Berlin, Scheunenviertel und Prenzlauer Berg. 1972 war die gebürtige Erfurterin in der Hauptstadt der DDR gelandet, unweit des Alexanderplatzes, wo sich Döblins Milieu der Verlierer und Außenseiter trotz sozialistischen Wiederaufbaus erstaunlich gut konserviert hatte. Erst Berlin, sagt sie im Rückblick, habe sie zur Fotografin gemacht.

Zwischen 1977 und 1990 entstand Gundula Schulze Eldowys in wuchtigem Schwarzweiß aufgenommene Fotoserie „Berlin in einer Hundenacht“, die nun einen wichtigen Teil der Ausstellung ihrer frühen Fotos bei C/O Berlin ausmacht. Zärtlich und schnoddrig zugleich gelang in dieser Stadtserie, die vor allem von Menschen handelt, das Psychogramm einer Endzeit. Mit dem historischen Sicherheitsabstand eines Vierteljahrhunderts wird der singuläre Beitrag zur Fotografie wie auch zur Sozial- und Kulturgeschichte deutlich, den Schulze Eldowy damit geleistet hat. Dass diese Fotokünstlerin im wiedervereinigten Deutschland nicht zu den ganz Großen und Berühmten zählt, ist nur schwer zu begreifen.

Sich ausreichend Zeit lassen

Neben „Berlin in einer Hundenacht“ zeigt C/O Berlin die zwischen 1982 und 1990 entstandene Farbserie „Der große und der kleine Schritt“. Letztere ist noch nie zuvor so umfassend präsentiert worden. Und auch dieses auf den ersten Blick eher disparat erscheinende Konvolut lässt staunen: Das angeblich so graue Leben in der DDR steckte voller surrealer Momente, Momente intimen Glücks und Leids, im Kreissaal, in der Fabrik, im Schlachthof, beim Ballettunterricht. Schulze Eldowy hat sie mit dem Reporterinstinkt eines Henri Cartier-Bresson und der theatralischen Verve eines Federico Fellini aufgespürt. Die Farben erhöhen nur den Härtegrad.

Begleitend zur Berliner Retrospektive sind im Leipziger Verlag Lehmstedt zwei opulente Fotobände erschienen, die beide Zyklen erstmals umfassend abbilden. Darin enthaltene Texte von Schulze Eldowy bekräftigen eine Arbeitsweise, die auch in die Fotos selbst eingeschrieben ist: sich mit allem ausreichend Zeit lassen, hemmungslos subjektiv hinschauen. Der Kontrast zu den parallel gezeigten Paparazzi-Fotos des Amerikaners Ron Galella könnte krasser kaum sein: dort Aufnahmen, die oft gegen den Widerstand der Fotografierten zustande kamen und mediale Stereotypen bedienen; hier Porträts von Menschen, Häusern, Straßen, die sich dem Kamerablick Schulze Eldowys mit einem Grundvertrauen öffnen.

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