Francis Fukuyama
Mahnungen eines gezähmten Falken

Francis Fukuyama rechnet mit den US-Neokonservativen ab und entwirft eine Außenpolitik für die Zeit nach George W. Bush

BERLIN. Francis Fukuyama ist vielen deutschen Lesern als Autor von "Das Ende der Geschichte" bekannt. In dem noch heute oft zitierten Buch von 1992 stellte er die optimistische These auf, dass nach dem Scheitern des Kommunismus die Demokratie sich weltweit durchsetzen werde und damit eine Art Endstadium der Geschichte erreicht sei.

In den USA ist Fukuyama dagegen berühmt als einer der Vordenker des Neokonservatismus, der Denkschule, die George W. Bushs Außenpolitik stark beeinflusst hat. Er war das intellektuelle Schwergewicht dieser Strömung. Doch der Irakkrieg hat Fukuyama seinen neokonservativen Freunden wie Paul Wolfowitz, dem früheren stellvertretenden Verteidigungsminister, und William Kristol, dem publizistischen Sturmgeschütz der Falken, schrittweise entfremdet. 2004 kam es zum offenen Bruch, und sein neues Buch "Scheitert Amerika?" ist die Abrechnung mit seinen früheren Weggefährten.

Wenn man so will, ist es das klassische Buch eines Renegaten: Durch das relativ kurze Werk zieht sich die typische These, dass nicht er sich vom eigentlichen Gedankengut entfernt habe, sondern seine ehemaligen Freunde. Die hätten sich, so Fukuyama, in eine "expansive, interventionistische" Position verrannt, die viel zu einseitig auf militärische Macht baue. Dabei übersähen sie naiv, wie schwer Regimewechsel tatsächlich zu erreichen seien.

Allerdings macht man es sich zu leicht, wenn man "Scheitert Amerika?" nur als Rechtfertigung eines politischen Bruchs liest. Fukuyama geht es um mehr: Er will die Außenpolitik der USA in einer Weise neu definieren, "dass sie die Hinterlassenschaft der Bush-Regierung überdauert". Das ist das Faszinierende an Fukuyamas neuem Buch: Es vollzieht einen Zeitsprung in die Epoche nach Bush junior.

Der noch zweieinhalb Jahre amtierende Präsident ist hier schon Vergangenheit, seine Person wird kaum erwähnt, dafür seine außenpolitische Hinterlassenschaft, von der Fukuyama ein deprimierendes Bild malt: Die Vereinigten Staaten hätten sich durch den Irakkrieg "fast vollständig von der übrigen Welt isoliert", sie verfügten heute über "so gut wie keine Glaubwürdigkeit oder moralische Autorität" in der arabischen Welt, und die Bush-Regierung hätte die Europäer zur weitgehenden Einigkeit in der Ansicht getrieben, dass "der verantwortungslose Gebrauch amerikanischer Macht eines der Hauptprobleme der gegenwärtigen internationalen Politik ist".

Fukuyama sieht die USA als einen Staat, der über eine unvergleichliche Machtfülle verfügt, aber international wenig im eigenen Interesse bewegt. Sein knappes Resümee, mit dem er Bush jr. abstraft: "Die Wiederherstellung der amerikanischen Glaubwürdigkeit wird keine Sache einer besseren Public Relation sein; dazu braucht es ein neues Team und eine neue Politik."

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