Frankfurter Buchmesse 2011
„Wir haben unsere Unschuld verloren“

Der Kollaps des isländischen Finanzsystems 2008 hat die Kultur auf der Insel aus Feuer und Eis beeinflusst. Jetzt ist Island das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Ein Ausblick auf fünf Tage rund ums Buch.
  • 0

Reykjavík Mit insgesamt 7384 Ausstellern aus rund 100 Ländern startet die 63. Frankfurter Buchmesse an diesem Mittwoch. Buchmessen-Ehrengast Island bringt 38 Autoren und 203 Neuerscheinungen mit. Island ist bisher das kleinste Land, das seine Literatur und Kultur auf der weltgrößten Bücherschau präsentiert - und eines, dessen Literaurlandschaft sich stark verändert.

Der Zusammenbruch des isländischen Finanzsystems im Jahr 2008 und die folgende Krise haben die Mentalität des Landes verändert. Die Isländer hätten ihre Unschuld verloren, sagt der isländische Autor Hallgrímur Helgason im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Die meist schrägen Romane des 52-Jährigen („101 Reykjavík“, „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“) sind auch in Deutschland erfolgreich.

Welche Auswirkungen hat die Finanzkrise auf Island gehabt?

Helgason: „Die Mentalität hat sich völlig geändert. Wir sind aus einem Traum erwacht. Dies nicht so sehr, weil die Menschen Geld verloren, sondern weil wir erkannt haben, alles basierte auf nichts. Wir haben alle naiv an das von den Bankern geschaffene Trugbild geglaubt - und sind dann unsanft aufgewacht. Und zum ersten Mal in der Geschichte waren wir schuldig, weil wir das Geld von unschuldigen Anlegern gestohlen und damit spekuliert haben. Wir waren immer die Guten in der Geschichte, aber jetzt haben wir unsere Unschuld verloren. Ich habe mich geschämt, Isländer zu sein.“

Wie haben die Schriftsteller reagiert?

„Wir waren empört. Viele sind auf die Straße gegangen. Ich habe am Auto des Premierministers gerüttelt, ihm in die Augen geschaut und ihn angeschrien, er solle zurücktreten. Jetzt haben wir eine neue Regierung. Und es ist typisch, dass mit Jóhanna Sigurðardóttir eine Frau an der Spitze steht. Immer müssen die Frauen den Dreck aufräumen, den die Männer hinterlassen. Sie ist sehr populär, weil sie über große Integrität und Vertrauen verfügt. Und wir sind sehr stolz darauf, dass sie lesbisch ist.“

Wie wurde die Krise literarisch verarbeitet?

„Da müssen wir noch warten. Es ist alles noch zu frisch. Günter Grass hat seine „Blechtrommel“ (die unter anderem den Zweiten Weltkrieg thematisiert) auch erst 1959 geschrieben. Eigentlich wollte ich schon vor der Krise über die Banker schreiben und mitkriegen, wie man Milliardär wird. Ich wollte mit ihnen im Privatjet von Reykjavík nach London fliegen. Aber dann kam der Zusammenbruch, und ich habe erst mal das Projekt aufgeschoben. Aber ich hoffe, es kommt noch.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Frankfurter Buchmesse 2011: „Wir haben unsere Unschuld verloren“ "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%