Frankreich
Bitterböse Bilanz

Premierminister Villepin lobte Jacques Chirac als einen "der populärsten Politiker unter den Staatschefs" - eine Einschätzung, mit der Villepin ziemlich allein dasteht: Französische Autoren haben den politischen Niedergang von Staatspräsident Jacques Chirac analysiert.

PARIS. Es gibt noch Leute in Frankreich, die an Jacques Chirac glauben. Premierminister Dominique de Villepin lobte ihn erst kürzlich als einen "der populärsten Politiker unter den Staatschefs", der "große Dinge" vollbracht habe - eine Einschätzung, mit der Villepin ziemlich allein dasteht.

Die überwältigende Mehrheit der Franzosen will mit dem Staatspräsidenten nichts mehr zu tun haben. Jacques Chirac ist beim Volk in Ungnade gefallen. Die Popularitätswerte des 73-Jährigen stürzen seit Monaten auf immer neue Tiefstände, und die führenden politischen Journalisten des Landes haben schon zehn Monate vor dem Ende seiner Amtszeit gnadenlos mit ihm abgerechnet. Eine Fülle von Biografien überflutete in den vergangenen Monaten die Buchläden, die alle eines gemeinsam haben: Sie ziehen eine bitterböse Bilanz der Ära Chirac, die 1995 mit einem deutlichen Wahlsieg über den Sozialisten Jospin begonnen hatte.

Der heutige Nationalfeiertag ist vielleicht die letzte Chance für Chirac, die öffentliche Meinung noch einmal zu seinen Gunsten zu drehen: Der Präsident verkündet im Park des Elysée-Palastes seine traditionelle Botschaft zum 14. Juli. Dass der Gaullist damit viele Sympathien zurückgewinnen kann, glaubt jedoch kaum jemand in der französischen Hauptstadt. Zu lange schon thront der Präsident in seinem prunkvollen Amtssitz wie in einem goldenen Käfig - einsam, dem Volk entrückt und von politischen Gegnern umzingelt.

Die geballte Feindseligkeit kommt in diversen politischen Büchern zum Ausdruck. Im Vergleich zu seinem charismatischen Vorgänger François Mitterrand habe Chirac "die Spiritualität einer Strandschnecke und die Mystik eines Seeigels", giftet Nicolas Domenach vom linken Wochenmagazin "Marianne" in seinem Pamphlet "Ca va finir mal" ("Es wird böse enden"). Denis Jeambar, Chefredakteur des konservativ orientierten Magazins "L'Express", macht den "Angeklagten Chirac" in seinem gleichnamigen Werk breitflächig für jedweden Niedergang verantwortlich, ob der Wirtschaft, des Sozialen oder Europas. Und Robert Schneider vom linksliberalen "Nouvel Observateur" stellt in "Le Gachis" ("Der Schlamassel") schlicht fest: "Chirac hatte nicht die Dimension eines Präsidenten."

Die überbordende Polemik gegen das Staatsoberhaupt finden nicht alle Franzosen geschmackvoll. "Meine Herren, schießen Sie nicht mehr", appellierte die Wirtschaftszeitung "Les Echos". Man trete nicht auf jemanden, der ohnehin schon am Boden liege.

Dass Polemik auch amüsant lesbar und zugleich gut recherchiert daherkommen kann, hat Franz-Olivier Giesbert bewiesen. Der Chefredakteur des konservativ-liberalen Magazins "Le Point" begleitet Chirac seit 1972, führte seither zahlreiche Interviews mit ihm und schrieb 1986 die erste von mehreren Chirac-Biografien. Die neueste mit dem Titel "La Tragédie du Président" schaffte es in Frankreich über mehrere Wochen an die Spitze der Bestseller-Liste. Am kommenden Montag erscheint sie auch in deutscher Sprache.

Seite 1:

Bitterböse Bilanz

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%