Friedrich der Große
Hommage an einen Ästheten

Friedrichs Leben, seine Risiken, die Politik und sein Tagesgeschäft – selten kam das Publikum dem preußischen Monarchen näher als in der glanzvollen Ausstellung „Friederisiko“ in Berlin. Die auf 6.000 Quadratmetern dargebotene Schau zieht Ströme von Besuchern an. Ein 1,5 km langer Steg und durchdachte Orientierungshilfen sorgen für den Durch- und Überblick.
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BerlinDer Ansturm ist groß. Schon am ersten Wochenende haben die Besucherströme der Potsdamer Ausstellung „Friederisiko“ die tägliche Kapazitätsgrenze erreicht. Die Schau mit dem ostentativen Titel hat zwei Hauptakteure: Friedrich den Großen und das Neue Palais, den spätbarocken Repräsentationsbau, den der preußische Feldherr und Ästhet nach dem siebenjährigen Krieg in nur sechs Jahren Bauzeit errichten ließ. 72 Säle wurden für die Ausstellung geöffnet und zum Teil frisch restauriert. Ein Drittel von ihnen ist erstmals zugänglich.

Wer die in zwölf Kapitel gegliederte Schau auf dem von der Berliner gewerk design entworfenen Besucherpfad durchschreitet, muss viel Zeit mitbringen. Drei Stunden braucht man für den Schlossrundgang, auf dem das Leben, die Risiken, die Politik, das Tagesgeschäft, die persönlichen Neigungen des Königs Revue passieren - immer im Dialog mit den Räumen, deren Ausstattung er vom Marmor bis zur Seidenbespannung, von den Möbeln bis zu den Lüstern minutiös ausgewählt hatte.

Friedrichs Versaille

Die Ausstellung macht klar, wie wenig bislang diese letzte große Schlossanlage des preußischen Barock im öffentlichen Bewusstsein verankert ist. Alle Welt konzentrierte sich bislang auf Sanssouci, das private Refugium des Königs. Aber jetzt, wo langjährige und aufwändige  Restaurierungsarbeiten uns die Räume neu erschlossen haben, erstrahlt das Neue Palais in altem Glanz als die offizielle Residenz eines macht- und standesbewussten Monarchen: Friedrichs Schönbrunn, Friedrichs Versailles.

Rund 500 Exponate sind auf 6000 Quadratmeter so über die Räume verteilt, dass Durch- und Überblick stets gewahrt bleiben. Hier wird man nicht in einen vorgeschriebenen Parcours gezwängt. Jeder kann sich die einzelnen Teile der Schau nach eigenem Gusto erschreiten. Orientierungshilfe leisten nicht nur der 1,5 km lange Besuchersteg, sondern auch Leitfarben im Außenraum und im Treppenhaus. Die Transparente mit den Zitaten des Königs und seiner Entourage, die Leuchttafeln mit den Erläuterungen zum Saal, das für den Rundgang unverzichtbare Begleitheft zu den Exponaten leisten vorbildliche Orientierungshilfe.

Der „nackte“ Voltaire

Es ist das bislang größte Ausstellungsprojekt der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Seine hohe Informationsqualität wird durch die Leihgaben gesteigert. Nicht das, was wir aus früheren Friedrich-Ausstellungen zur Genüge kennen - die Tabatièren, das KPM-Porzellan, die Watteau-Gemälde, Partituren und Flöte  -  stehen hier im Mittelpunkt. Es gibt einen  Raum mit mehr oder weniger offiziellen Porträts des betont uneitlen Königs, der den Persönlichkeitskult ablehnte und sich lieber mit Helden der Mythologie identifizierte.

Spektakuläre Leihgaben gibt es genug. Dazu gehören nicht nur das Skelett von Friedrichs Lieblingspferd Condé oder die Lancret-Bildnisse der vom König verehrten Tänzerinnen. Der „Nackte Voltaire“, ein realistisches Altersporträt des Philosophen von Jean-Baptiste Pigalle, ist ein Auftragswerk des Königs, der 1742 mit der Antiken-Sammlung Polignac die Lykomedes-Gruppe erwirbt, die in einem Säulentempel im Park des Schlosses aufgestellt wurde und heute der Berliner Antikensammlung gehört. In der Ausstellung gewinnen diese Paradestücke eine sinnliche Präsenz, die sie an ihren gewöhnlichen Standorten nicht haben.

„Friederisiko“ im Neuen Palais im Park Sanssouci, Potsdam bis 28. Oktober. Katalog zur Ausstellung 29,90 Euro, Essayband 34,50 Euro, beide im Hirmer Verlag. Zeitfenster-Tickets im Vorverkauf sind zu empfehlen.

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