Frieze Art Fair
Knallhart gesenkte Preise

Es gab in der Londoner Frieze-Woche viele Zeichen der Zuversicht: Auf der Messe meldeten Händler, die im letzten Jahr nur lange Gesichter machten, nun bereitwillig ihre Erfolge. Die Auktionen leisteten, was erwartet wurde und mehr. Christie's setzte 88 Prozent nach Wert ab, schaffte mit 17 Mio. Pfund sogar die obere Schätzung der Abendauktion und hatte in der Contemporary-Sektion nur einen Rückgang: ein erst im letzten Jahr geschaffenes Werk von Jitish Kallat. Rückgangsquoten von 16 Prozent bei Christie's (zusammen mit der italienischen Kunst), 26 Prozent bei Sotheby's und 30 Prozent bei Phillips de Pury reichten aus, um Vertrauen zu schaffen.

LONDON. Trotzdem bleibt Abwarten die vorwiegende Gemütslage. Niemand kann übersehen, dass die Gesamteinnahme aller Londoner Auktionen mit 44,6 Mio. Pfund nur die Hälfte des Vorjahres und ein Viertel des Wunderjahres 2007 betrug. Christies hatte nur 25 Lose in der Abendauktion - weniger, scherzte ein Beobachter, als die Zahl der Experten, die im Katalog porträtiert wurden. "Wir haben das Minimum, das wir brauchten", sagte Experte Michael McGinnis von Phillips. Auch Christie's Chefexperte Francis Outred, der die beste und lebhafteste Auktion organisiert hatte, blieb nüchtern: "Ich bleibe extrem vorsichtig, nichts ist garantiert", antwortete er auf die Frage, ob er in den kommenden Auktionen wieder mit einem Ansteigen des Auktionsvolumens rechne.

Die Schätzpreise sind mit eiskaltem Realismus abgesenkt worden und haben wohl den Tiefpunkt erreicht. Damien Hirsts Schmetterlingsbild "I miss you" war im Februar und im Oktober 2008 mit Taxen von 700/900 000 und dann 500/700 000 Pfund zweimal vergeblich angeboten worden. Nun war es mit 200/300 000 Pfund ausgezeichnet und wurde für 337 250 Pfund brutto verkauft. In Hirsts erster Künstlerauktion, dem "Pharmacy Sale" von 2004, hatte es 263 200 Pfund gekostet. Der New Yorker José Mugrabi, der wieder durch Stützgebote die Preise seiner Großbestände von Hirst und Warhol sicherte, bezahlte für ein kleines Medizinkabinett 115 250 Pfund - gerade das Limit. An dem Einlieferer ist der Hirst-Boom vorbeigegangen - er hatte in der Pharmacy-Auktion schon 117 600 Pfund bezahlt.

Peter Doigs "Pine House" war im November 2008 in New York mit Verkaufsgarantie auf 4/6 Mio. Dollar geschätzt und blieb unverkauft. Nun wurde der Verlust tapfer abgeschrieben und für 1,4 Mio. Pfund oder 2,25 Mio. Dollar verkauft. Auch Rudolf Stingels Barocktapete "Untitled" war eine Abschreibaktion, mit der nur mehr 289 250 Pfund zu erzielen waren.



Martin Kippenbergers "Paris Bar" ist nicht unerwartet das Los der Woche: Die Kippenberger-Ikone aus der Saatchi-Sammlung wurde von der Sammlerin Ingvild Goetz und den amerikanischen Händlern Tony Shafrazi und Jeffrey Deitch begehrt und dann hochgetrieben. Für 2,3 Mio. Pfund (2,5 Mio. Euro) fiel sie an einen von Christie's als amerikanisch bezeichneten Telefonbieter. Das ebenfalls von Saatchi angebotene Gemälde "Kellner des ..." sicherte sich Deitch dann gegen Goetz für 1,1 Mio. Pfund.

Wie eng Kippenbergers Markt bleibt, zeigte sich bei Phillips de Pury, wo vier Lose der Galerie Bleich Rossi angeboten und nur zwei verkauft wurden. "Big until Great Hunger" von 1984, ging für 433 250 Pfund ganz unten an der Taxe an eine New Yorker Galerie, die Stehlampe "Kippenblinky" (1991) wurde bei 102 250 Pfund ohne große Leidenschaft zugeschlagen.

Zurück zu Christie's: Hier gehörte Neo Rauchs Großformat "Stellwerk" zu den aufregendsten Werken. Es wurde für die doppelte Taxe bei 892 450 Pfund (972 771 Euro) an einen Telefonbieter verkauft - ein Auktionshöchstpreis. Das Gebot orientierte sich am Verkauf eines Rauch-Hochformats auf der Frieze. Als Verkaufspreis der Galerie Zwirner wurden 1 Mio. Dollar genannt. Starke Gebote gab es für Robert Longos große Surfwoge in Grafit (187 250 Pfund durch Chris Eyken), Rekordpreise erzielten auch Beatriz Milhazes (289 250 Pfund) und der Chinese Li Songsong (433 250 Pfund).

Sotheby's Star war Jean-Michel Basquiats "Fuego Flores", eingeliefert von dem schwedischen Sammler Gerard de Geer. Als er im letzten Jahr vor Gericht zog, weil die Basquiat das (inzwischen ausgestellte) Echtheits-Zertifikat verweigerte, war der Streitwert noch 5 Mio. Dollar. Nun ging es gegen das Gebot von Mugrabi für bescheidene 959 650 Pfund an einen Telefonkäufer. Teurer war der ungewöhnlich minimalistische Basquiat, den Phillips ausrief: "Year of the Boar" wurde durch einen der Phillips-Mannschaft völlig unbekannten Sammler, offenbar ein Londoner Finanzier, für 1,1 Mio. Pfund als Toplos verkauft.

Chris Ofilis träumerisches "Afro Appartition" wurde für die doppelte Schätzung für 541 250 Pfund an das iranische Sammlerpaar Eskander and Fatima Maleki verkauft. Über Schätzung kamen Anish Kapoors 250 cm große Edelstahl-Konvex-Scheibe (657 250 Pfund), Yves Kleins mittelformatiges IKB294 (577 250 Pfund). Gerhard Richter aber war schwach nachgefragt bei Christies, und auch bei Sotheby's schaffte eine Abstraktion von 1990 mit 529 250 Pfund nur knapp die unterste Taxe.

Auch das Angebot italienischer Nachkriegskunst war schmaler und in die Contemporary-Auktionen integriert. Doch die italienischen Avantgardisten bewiesen einmal mehr, dass sie zu den stabilsten Werten im Nachkriegsmarkt gehörten. Sotheby's hatte nur zwei Prozent Rückgang. Altmeister Giorgio de Chirico führte mit 881 250 Pfund die Preisliste an. Ein "Piccolo Cavaliere" von Marino Marini kostete 758 050 Pfund, Christie's Spitzenlos war ein marineblaues Fontana-Querformat mit acht Schlitzen für 735 650 Pfund. Nachdem die Amerikaner im Italiensegment 2008 noch begeistert mitmachten, sind die Europäer nun wieder unter sich.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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