Frits Lugt
Eintauchen in die Welt der Zeichnungen

Seltener Glücksfall: Ein Forscher hinterlässt der Nachwelt nicht nur seine Kunstsammlung sondern auch sein Vermögen. Die „Stiftung Custodia“ arbeitet im Sinne von Gründer Frits Lugt bis heute weiter.
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Paris„Nur die englische Königin hat eine vergleichbare Sammlung“, meint Ger Luijten, Direktor der Pariser „Stiftung Custodia“, die die Sammlung von Fritz Lugt hütet, verwaltet, ausstellt und ergänzt. Zufrieden zeigt Ger Luijten die angesammelten Schätze, die der phänomenale holländische Kenner Alter Meister Frits Lugt (1884 – 1970) seiner „Stiftung Custodia“ überließ. Als Sammler ist Frits Lugt international eine Leitfigur. Als Bearbeiter von Handzeichnungen, deren Zuschreibung und Katalogisierung, zählt er zu den Marksteinen der Kunstgeschichte.

Handzeichnungen bilden den Kern der Sammlung diese niederländischen Gelehrten. Sie befinden sich im Tresorraum, den die Besucherin überrascht betritt: nach Ländern und Malerschulen geordnet, sieht man 21 Rembrandt-Zeichnungen, eine große Falten-Studie von Leonardo da Vinci, eine Gewandstudie von Lorenzo Lippi, sowie Zeichnungen von Hans Holbein und Albrecht Dürer. Ganz zu schweigen von den Franzosen: sie reichen von Watteau bis Degas.

Künftige Forschung sichern

Frits Lugt trug über Jahrzehnte Handzeichnungen, Skizzenbücher, Graphik und Autographen  zusammen. 1947 gründete Lugt in Paris die „Stiftung Custodia“, die er mit einem hohen Geldbetrag bedachte, dessen Zinsen noch immer die laufenden Kosten decken, sowie Ankäufe ermöglichen. Darüber hinaus überredete Frits Lugt die holländische Regierung, gemeinsam mit der „Stiftung Custodia“ das „Niederländische Institut“ in Paris zu gründen. Lugt hatte 1953 im 7. Arrondissement, in unmittelbarer Nähe des Parlaments, zwei benachbarte Stadtpalais erworben. In einem etablierte er die „Stiftung Custodia“. Im zweiten Gebäude befindet sich seit 1957 das „Niederländische Institut“.

Breites Sammlerinteresse

Dieses bietet regelmäßig beachtliche Ausstellungen, die meist aus dem Fonds der Sammlung Frits Lugt bestückt sind, sowie Konzerte, Tanz und Sprachkurse. Die „Stiftung Custodia“ und das „Niederländische Institut“ verfügen über getrennte Direktoren, die beide den diplomatischen Status haben. Ger Luijten leitete zwanzig Jahre lang das Kupferstich-Kabinett des Amsterdamer Rijksmuseums, bevor er die Leitung der „Stiftung Custodia“ übernahm. Ihm ist es wichtig, den Variantenreichtum der Sammlungen von Frits Lugt zu vermitteln, die auch ägyptische, griechische, römische und holländische Vasen und Skulpturen, sowie Gemälde umfassen.

Vom Wunderkind zum Händler

„Die Stiftung Custodia hat die Aufgabe, der Kunstgeschichte zu dienen“, zitiert Ger Luijten die Statuten. Vermutlich war dies auch das Motto des Lebens von Frits Lugt. Der vierzehnjährige Lugt sah erstmals 1898 eine Rembrandt-Retrospektive im Rijksmuseum. Die ihn veranlasste, sofort eine Biografie des niederländischen Malers, Kupferstechers und Zeichners zu schreiben. Ein Jahr später erwarb er seine erste Radierung von Rembrandt. Mit sechzehn Jahren arbeitete Lugt in Amsterdam im berühmten Auktionshaus Frederik Muller, wo er die bibliografische Praxis erlernte, sowie seinen Blick für Kunstwerke schulte. Er trug wesentlich zum Ausbau des Auktionshauses bei und wurde 1911 Mullers Partner. Lugt heiratete die reiche Erbin Jakoba Klever, die ebenso Kunst begeistert war wie er selbst. Während des Ersten Weltkriegs machte er sich als Händler selbständig. Und ab 1917 begann er systematisch  Handzeichnungen zu sammeln. Zuerst Holländer und Flamen, ab 1923 auch Italiener und Franzosen. 1919 erwarb er Rembrandts Zeichnung, „Innenansicht mit Saskia im Bet“, die derzeit im „Niederländischen Institut“ zu sehen ist.

Stempel systematisieren

Einen der wesentlichen Beiträge zur Kunstgeschichte leistete Frits Lugt 1921 mit einer französisch verfassten Zusammenstellung der Sammler-Stempel auf Zeichnungen und Graphik. 1956 ergänzte er das bis heute wesentliche Nachschlagewerk. Lugt bildete die Stempel ab, die Sammler auf ihre Blätter drucken, und charakterisierte die Sammler und ihre Kollektionen. Eine immense Hilfe für die Zuschreibung der Zeichnungen. Dank der elektronischen Erfassung durch die "Stiftung Custodia" ist Lugts aktualisiertes Werk kostenfrei im Internet abrufbar.

Zeichnungen katalogisieren

Die Veröffentlichung der „Sammlerstempel“ verschaffte Lugt internationale Anerkennung. Der Louvre beauftragte ihn, den Katalog seiner niederländischen Handzeichnungen zu erstellen. Die französische Nationalbibliothek, das Museum Petit Palais, sowie die Pariser Kunstakademie folgten mit dem gleichen Auftrag. Neben diesen Mammut-Aufgaben ergänzte Lugt geradezu manisch seine eigene Sammlung. Die auch fast 50.000 Künstlerbriefe umfasst, welche zum besseren Verständnis der Zeichnungen dienen, wie Ger Luijten betont.

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Eintauchen in die Welt der Zeichnungen

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{Inspiration in den USA}

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