Führungswechsel beim Buchhandelsverein
Herr der Bücher gibt vorzeitig auf

Um spektakuläre Auftritte war Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, nie verlegen. Auch seinen Rücktritt hat er äußerst publikumswirksam inszeniert: Unmittelbar vor Beginn der Buchmesse hat der oberste Branchenrepräsentant bekannt gegeben, dass er sein Ehrenamt vorzeitig aufgibt.

HB DÜSSELDORF. Zu groß war am Ende der Druck für den Sechzigjährigen geworden. Zum Jahresende wird der Mann mit Fliege und Seidenschal sein einflussreiches Amt abgeben.

Auslöser für diese Entscheidung war die Kritik an einer kaufmännischen Entscheidung Schormanns. Der extravagante Händler hatte beschlossen, sein Geschäft, die traditionsreiche Ferber'sche Buchhandlung, aufzugeben und Angestellter beim Marktführer Thalia zu werden. Schormann, der in der Vergangenheit immer wieder mit guten Marketingideen auffiel, war drei Jahrzehnte lang Inhaber der 1822 gegründeten Buchhandlung.

Handelsketten wie Thalia bereiten den kleinen Buchhändlern im wachsenden Konkurrenzkampf große Sorgen. Das erklärt den Groll der kleineren Verbandsmitglieder auf ihren Chef. Im Börsenverein sind 6 500 Buchhandlungen und Antiquariate, Zwischenbuchhändler, Verlagsvertreter und Verlage organisiert. Viele Händler und Verleger sahen Schormann nach seinem Wechsel zu Thalia nicht mehr als Vertreter ihrer Interessen. "Es ist ungewöhnlich, dass ein Mittelständler im vorauseilenden Gehorsam die weiße Fahne hisst. Damit ist er für den Verband untragbar", sagte etwa Rutger Booß, Geschäftsführer des Dortmunder Grafit-Verlags.

"Ich muss das respektieren", sagte Schormann dem Handelsblatt. "Der Vorsteher des Börsenvereins muss das höchste Vertrauen genießen, das die Branche ihm geben kann. Wenn da ein Zweifel besteht, muss man den Weg frei machen." Dieter Schormann war im Mai 2004 für weitere drei Jahre in seinem Amt bestätigt worden - ohne Gegenkandidaten. Einst hatte Schormann, der auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte in Hamburg Buchhändler wurde, vieles vor. Dass Buchhandlungen ganz normale Unternehmen sind, habe er bereits vom Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn bei einem Seminar gelernt. Seinen ökonomischen Ansatz wollte der Buchlobbyist beim betulichen Börsenverein umsetzen. Zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen wollte er die Standesorganisation formen. Am Ende bleiben viele Baustellen.

Für die Frankfurter Buchmesse ist Schormanns abrupter Abschied ein Desaster. Der Börsenverein ist an der Buchmesse indirekt beteiligt. Bereits im vergangenen Jahr hatte eine Spitzenpersonalie für Aufregung gesorgt. Wenige Wochen vor der Messe 2004 wurde bekannt, dass der damalige Direktor Volker Neumann seinen Hut nehmen musste. Dessen Nachfolger Juergen Boos schaffte es in kürzester Zeit, die Wogen zu glätten. Die Buchmesse 2005 wäre nun die ideale Veranstaltung gewesen, um der Welt zu zeigen: Seht her, wir haben die Lage im Griff! Stattdessen hat der Börsenverein ein echtes Führungsproblem.

Von Januar bis zur Hauptversammlung im Mai wird zunächst Gottfried Honnefelder, bisher Schormanns Stellvertreter, dessen Aufgaben übernehmen. Aber auch der 59-jährige Honnefelder sorgte zuletzt für Gesprächsstoff, weil er als Verleger des Dumont Literatur- und Kunst-Verlags in Köln ausscheiden wird.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%