Für den Rapper zählt nur Geld wie Heu
Frischzellenkur für den Rap

Sie sind unangepasst und rotzig, Rüpel und Egomanen aus Leidenschaft – die Rapper des deutschen Hip-Hop. Das ist egal, sagen Musikmanager und sehen in der Musik der Underdogs die Wachablösung des deutschen Schlagers.

Samy Deluxe wird der Roy Black des 21. Jahrhunderts, Eko Fresh der legitime Erbe von Jürgen Drews, und Kool Savas tritt in die Fußstapfen von Tony Marshall. Die Wachablösung im deutschen Schlager naht – jedenfalls, wenn es nach BMG-Talentsucher Thomas Stein geht, Superstar-Juror und derzeit wohl bekanntester Musikmanager Deutschlands.

Was für die einen die Horrorvorstellung schlechthin ist, ist für Stein nur eine logische Konsequenz: „Deutscher Hip-Hop ist der Schlager der kommenden Jahre“, erklärt er im Brustton der Überzeugung. „Er hat das Zeug, eine neue deutsche Welle loszutreten.“

Der Hip-Hop – und damit sein stakkatoartiker Sprechgesang, der Rap – ist also mal wieder auf dem Weg von der Underground-Jugendzentrums-Szene zum gefeierten Pop-Phänomen? Das hatten wir doch schon einmal, als Deutsch-Rapper wie die Fantastischen Vier oder Fünf Sterne Deluxe mit weich gespültem Mainstream-Rap die Säle füllten und die Feuilleton-Seiten voll mit tief schürfenden Hip-Hop-Analysen waren. Die „Fanta 4“ schafften sogar, was in Deutschland zuvor nur Superstar Herbert Grönemeyer gelungen war: Sie bekamen eine eigene MTV-Unplugged-Aufzeichnung – der mediale Ritterschlag des internationalen Jugendwahns. Der gutbürgerliche Mittelstand hatte den Rap an sich gerissen.

Sportschuh- und Textilindustrie sprangen auf den Zug auf, das Kommerzrad drehte sich immer schneller. Hip-Hop ist schließlich nicht nur Musik. Hip-Hop ist eine Lebenseinstellung. Tyron Rickets (30), der vier Jahre lang für den TV-Sender Viva Hip-Hop-Sendungen moderiert und produziert hat und heute eine Casting-Agentur für schwarze Schauspieler betreibt, erinnert sich: „Mit 15 bin ich von Aachen nach Köln gefahren, einfach nur, um bestimmte Turnschuhe zu kaufen.“

Doch die Hochzeit der Thomas-Gottschalk-tauglichen Spaßrapper wie „Fanta 4“, „Massive Töne“ oder „Fettes Brot“ war bald wieder zu Ende. Von der Krise des deutschen Hip-Hop war schnell die Rede, die Plattenfirmen engagierten sich nur noch auf Sparflamme.

Der deutsche Rap ging wieder dahin, wo er hergekommen war. An die Straßenecken der sozialen Brennpunkte, in die Jugendzentren, Clubs und Keller. Und er wurde wieder zum Sprachrohr nicht gehörter sozialer und ethnischer Schichten. Vor allem türkische Kids der dritten Generation begannen, sich ihren Frust von der Seele zu rappen – und zwar jetzt in Deutsch, so wie Eko Fresh („König von Deutschland“) oder Kool Savas. Dabei, so Thomas Stein, gehen diese Rapper viel ungezwungener und souveräner mit der deutschen Sprache um als manch deutscher Kollege.

Die unfreiwillige Abmagerungs- und Frischzellenkur hat dem Deutsch-Rap gut getan. Übrig geblieben sind eine engagierte junge Generation von Rappern und einige Klassiker, die es noch einmal wissen wollen. Der Jahrgang 2003/ 2004 verspricht zu einem der besten zu werden, die es bislang gab.

Ganz vorneweg Kool Savas, der derzeit wohl angesagteste Deutsch-Rapper. Bislang eher bekannt und gefürchtet für rüde Battle-Raps mit Texten weit unter der Gürtellinie. Beim Battle-Rap machen sich verfeindete Rapper gegenseitig verbal nieder. Jetzt schlägt er auf seinem Album „Der beste Tag meines Lebens“ auch schon mal lyrischere und ernsthaftere Töne an. Solch leichte Anflüge von Domestizierung können aber auch viel Ärger in der sensiblen Szene einbringen. Das hat auch Rap-Legende und Super-Ego Samy Deluxe erfahren müssen. Auf nicht enden wollende Anwürfe zunehmender Kommerzialisierung antwortete er sogar mit einer eigenen CD, „Hab gehört“. Und sein Fazit: Ich mach so weiter, wie ich will.

Das wollen auch „Blumentopf“, Deutsch-Rapper der ersten Stunde. Nach langer Pause kommt im September ihr neues Album „Gern geschehen“. Man darf gespannt sein, wie die Fans es aufnehmen werden. Die Töpfe bleiben ihrer Tradition treu und legen sich auf keinen Stil fest. Insgesamt sind die Songs aber nachdenklicher, erwachsener und teilweise fast schon melancholisch geworden. Gute Voraussetzung, um dem Mainstream wieder ein Stückchen näher zu kommen.

Eko Fresh, Shootingstar aus Mönchengladbach, kokettiert sogar offen mit dem Kommerz. Sein kommendes Album wird ganz einfach „Ich bin jung und brauche das Geld“ betitelt. Ein klares Bekenntnis zu den Wurzeln des West- Coast-Rap aus Amerika. Alles, was für den echten Rapper zählt, sind Erfolg, Geld wie Heu, geile Autos und willige Weiber.

Das Leben kann halt so einfach sein. So wie im Schlager.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%