Galerienrundgang Berlin
Die Schatten hinter sich lassen

Ein Rundgang durch die Galerien von Berlin beschert zurzeit mehr Einzel- als Gruppenausstellungen. Das Spektrum deckt ein halbes Jahrhundert ab. Es umfasst die filigranen Skulpturen Norbert Krickes und die akustischen Skulpturen von Bernhard Leitner. Unter den jungen Künstlern überzeugen die packenden Installationen der türkischen Bildhauerin Yasam Sasmazer und Jean-Pascal Flaviens kühl-konzeptuelle Raumkompositionen.
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BerlinAuch nach der Messe abc bieten die Berliner Galerien ein pluralistisches Programm. Im Mittelpunkt steht der Einzelkünstler, Gruppenshows sind die Ausnahme. Bei den mehrstimmigen Ausstellungen hat Blain/Southern die interessanteste arrangiert. Der amerikanische Schriftsteller und Verleger Glenn O'Brien hat Werke von 23 Künstlern aus den 1960er-Jahren bis heute ausgewählt, die Buchstaben und Worte visualisieren. Die Exponate reichen vom pseudopolitischen Protokoll (Charles Gaines: „Notes on Social Justice“) über das Tafelbild mit Großbuchstaben (Christopher Wool) bis zu Installationen wie dem Stapelturm mit 50 Künstlerbüchern des Duos Jonah Freeman und Justin Lowe.

Zu den frühen Beispielen gehört Joseph Kosuths Lampenassemblage mit Wörterbuch-Definition von 1965, die 300.000 Euro kostet, während ein Acrylbild von Richard Prince mit dem Blick von oben auf mehr oder weniger gefüllte Gläser mit 300.000 Dollar notiert. Am unteren Rand ist ein Stammtisch-Witz zu lesen, der den Unterschied zwischen einer Bar und einer Klitoris erklärt: „Most men can find a Bar“.

Konzepte für Eingeweihte

Bewusst banal gibt sich das Bild einer leeren Sprechblase von Rob Pruitt, das den Titel „God says nothing“ trägt. Mehr in das literarische Wirkungsfeld gehören die Papierarbeiten des Literaten Brion Gysin, von denen eine offensichtlich unter Drogenkonsum entstanden ist. Die Schau ist facettenreich, aber in ihrer zuweilen wortklauberischen Gestaltung mehr etwas für Eingeweihte als für ein großes Publikum.(Bis 20. Dezember 2014)

Ablösungsprozesse und Krisen

Ein paar Schritte weiter auf der Potsdamer Straße 61 hat sich die vom Mehringdamm abgewanderte Galerie Berlinartprojects niedergelassen. Sie widmet sich junger Kunst aus Berlin und Istanbul und eröffnet mit einer Einzelschau der in beiden Städten lebenden Bildhauerin Yasam Sasmazer. Sie pflegt mit ihren lebensgroßen Holzplastiken eine psychovisuelle Figuration. Der Titel „Metanoia“ spricht für sich. Vorwiegend jüngere Figuren suchen sich von ihren Schatten zu lösen, die hier als schwarz-steiniger Bodensatz, übermächtige Tiere oder Vogelschwarm erscheinen. Die Dargestellten erstarren in Posen einer existentiellen Krise, die mit dem Breakdown Heilung der Psyche versprechen. Die Preise für die schon 2011 in der Londoner Saatchi Gallery ausgestellte Künstlerin sind schon recht markant. Vier farbige Kinder-Kleinbronzen kosten je 9.500 Euro.(Bis 31. Oktober.)

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