Galerienrundgang München: Kreative Demonstranten

Galerienrundgang München
Kreative Demonstranten

Zum Auftakt in die Herbstsaison haben die Münchner Galerien ein anregendes Ausstellungsprogramm zu bieten. Insbesondere das Kunstareal rund um die Pinakotheken laden zum Flanieren und Entdecken ein.
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MünchenEs ist ein Ereignis, das in den Kalendern internationaler Sammler, Kuratoren und Kunstinteressierten bereits seit 26 Jahren seinen festen Platz hat: die Münchner Open Art Mitte September eröffneten mehr als 65 Münchner Galerien und Institutionen die neue Ausstellungssaison, darunter auch einige Newcomer.

Gelungen ist das Debüt der Künstleragentur Bernheimer Contemporary Art Solutions & Projects. Im Juli wurde sie von Isabel Bernheimer zusammen mit ihrem Vater, Altmeisterhändler Konrad O. Bernheimer gegründet. Ziel ist es „emerging artists“ verantwortlich auf dem Weg in den internationalen Kunstmarkt zu begleiten, sie „behutsam zu fördern“. Isabel Bernheimer lebt in Berlin, die Agentur wird ortsungebunden arbeiten. Zum Konzept passt, dass nicht ein Katalog, sondern ein Folder mit Postkarten die Ausstellung begleitet.

„Sehr familiär, fair und stilvoll“ beschreibt Künstler Jan Kuck die Kooperation, der zusammen mit Victor Alaluf die Eröffnungsausstellung bestreitet. „Vanitas“ ist ein spannender Dialog der fragilen und gleichzeitig kraftvollen Installationen und Objekte Alalufs und der unter anderem vom rationalen Denken Kants beeinflussten Werke des studierten Philosophen Kucks. Wie anregend die Zusammenarbeit ist, zeigen Altmeisterstillleben aus dem Stock von Bernheimer, die Kuck seinen Werken gegenüberstellt. Beim Hängen entwickelte er mit Konrad Bernheimer diese Idee. Nachdenklich stimmt ein Brot aus Beton, das mit 3.000 Swarovski Steinen verziert ist und in dem ein mit 24 Karat vergoldetes Messer steckt (Preise ab 4.000 Euro).

Wandernder Wandteppich

Immer dichter wird die Szene um das Kunstareal der Pinakotheken, die zum Flanieren und Entdecken einlädt. Auf dem internationalen Parkett ist Goshka Macuga bereits voll etabliert, die ihre vierte Einzelausstellung bei Rüdiger Schöttle im Pinakothekenareal hat. „Madness and Ritual“ zeigt die gattungsübergreifende Kunst Macugas, deren monumentales Diptychon, ein fotorealistischer Wandteppich, eines der zentralen Werke der Documenta 13 war. Sie stellt hier Collagen und Wandteppiche aus, die nicht mehr nur an der Wand hängen, sondern im Raum stehen bzw. von der Wand in den Boden vorstoßen.

Im Erdgeschoss läuft die Videoaudioproduktion des Theaterstücks, das Macuga anlässlich der 8. Berlin Biennale konzipierte. Die Preise für Arbeiten der Künstlerin liegen zwischen 10.000 und 150.000 Euro (bis 8. November 2014).

Rund um das Museumsareal

In den vergangenen Jahren haben sich etliche Galerien rund um das Museumsareal angesiedelt, darunter auch Esther Donatz. Aus ihrem privaten Projektraum E324, den sie 2009 als Impuls und Gegenreaktion zur Finanzkrise gründete, wurde 2012 eine professionelle Galerie. Anna McCarthy bespielt die Räume mit einem energiegeladenen, frischen Mix aus Gemälden, Collagen, Zeichnungen, Objekten und einer Videoarbeit zum Thema Rückbesinnung auf die Natur(bis 18. Oktober 2014).

Kunstwerke marktbekannter, großer Künstler gibt es unter anderem bei Daniel Blau, der Per Kirkeby ausstellt sowie bei der Galerie Klüser. An beiden Standorten wird das Œuvre von Sean Scully gezeigt. Neben neuer Malerei vermittelt eine breite Auswahl an Portfolios einen umfassenden Blick in das fotografische und druckgraphische Schaffen. Walter Storms feiert mit einer Gruppenausstellung das fünfte Jahr seiner Galerieräume in der Schellingstrasse. Mit dabei sind Werke von Rupprecht Geiger, Günther Uecker, Otto Piene und Jean-Marc Bustamante.

Politisch aufgeladen und sehr intensiv sind die Fotografien der 1944 in Griechenland geborenen Künstlerin Eleni Mylonas, die Françoise Heitsch präsentiert. Mylonas, die seit 1967 in New York lebt, sah fasziniert in den Medien die Kopfbedeckungen, die die Demonstranten auf dem Tahirplatz zum Schutz trugen. Davon inspiriert, schuf sie eine Serie mit aus Fundstücken improvisierten Helmen, die sie selbst auf den Fotos anhat. Mylonas gelingt die feine Balance zwischen fesselnder Ernsthaftigkeit und der schrägen Ästhetik dieser Objekte. Preislich liegen ihre Arbeiten zwischen 1.200 und ca. 6.500 Euro (bis 31. Oktober 2014).

Katastrophe auf kleinstem Format

„look into it“ fordert die Künstlerin Regine Schumann im doppelten Sinn. Man möge seinen Blick in die neue Ladengalerie von Renate Bender in der Türkenstrasse werfen und in die teils spiegelnden, irisierenden Oberflächen ihrer fluoreszierenden Acrylglasobjekte. Schumann stellt neue Werke aus eigens für sie produzierten industriellen Platten mit matter Oberfläche vor. Schön ist, dass Schumann auch eine frühere Arbeit aus gehäkelten Plastikschnüren zeigt. Bei Tageslicht wirken die neuen Farbraumkörper sehr malerisch. Durch die besondere Technik scheinen die Werke sich an den Bildgrenzen zu entmaterialisieren. Mit Schwarzlicht entsteht im Dunklen ein geheimnisvoller Farbraum. Editionen kosten ab 1.200 Euro, Unikate bis 50.000 Euro. (bis 8. November 2014)

Den amerikanischen Künstler Craig Yu (geboren 1978) stellt Häusler Contemporary zum ersten Mal in München aus. Mit seinen neuen 5 x 6 cm großen Ölbildern, die ab 900 Euro kosten sollen, fordert er den Betrachter zum genauen Hinschauen. Das kleine Format ist neben der Reduktion auf eine Palette in Schwarz und Weißtönen ein ungewöhnliches ästhetisches Mittel, mit denen der Künstler die Komplexität der Wahrnehmung erforscht. Inhaltlich thematisiert Yu Katastrophen, die in ihrem Ausmaß in scheinbar ironischem Widerspruch zum Maßstab stehen (bis 30. Oktober 2014).

Geistreiche Lappalien

Mit einer großen dokumentarischen Jubiläumsschau feiern Raimund und Silke Thomas das 50 jährige Galeriebestehen an der Maximilianstrasse, seit fünf Jahren gibt es Thomas Modern (siehe HB vom 6./.7./8.9.). Unter Rubriken wie „Gute Nase“ sind Werke, Ausstellungsflyer und -plakate von Künstlern wie Piero Manzoni zu sehen, die erst später zu Klassikern wurden. Es ist ein buntes Kaleidoskop mit hochkarätigen expressionistischen Exponaten, amerikanischer Pop Art bis hin zu einer Lederjacke von Raimund Thomas, die Graffitikünstler anlässlich einer Ausstellung 1984 besprühten (bis 15. November 2014).

Der „Jardin des Bagatelle“ ist Namensgeber einer Ausstellung bei Galerie Tanit, genauer gesagt die „Bagatelle“ – die Lappalie. Leichtigkeit, lapidare Ironie, aber eben auch eine gewisse hintergründige Beiläufigkeit sind die Begriffe, unter den die Ausstellung kuratiert wurde. Dieses Mal sind unter anderem einer der „Klassiker“ von Tony Oursler, eine Videoprojektion mit einem Schädel, ein Mottenbild von Rosemarie Trockel, Malerei von Urs Lüthi und ein Video von Charles Sandison dabei. Die Preise liegen zwischen 20.000 bis 150.000 Euro (bis 25. Oktober 2014).

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