Galerienstart Düsseldorf
Wenn Nadelstiche zur großen Kunst werden

Lange war der Kunstherbst nicht mehr so heiß. Die Düsseldorfer Galerien präsentieren ein aufsehenerregendes Gemeinschaftsprojekt. So mancher Künstler hat Pinsel und Farbe beiseitegelegt, um zu sticken & sticheln, Sound sichtbar zu machen oder Porzellan zu inszenieren.
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DÜSSELDORF. Zweiunddreißig Premieren von Künstlern aus 18 Nationen in 30 Galerien - das hat es selbst in der Kunststadt Düsseldorf noch nicht gegeben. Anlass ist die nächste Woche startende Quadriennale, die zehn Kunstmuseen mit 5 Mio. Euro Extrasubvention zu Höchstleistungen herausfordert. Die Galerieninitiative lässt sich da nicht lumpen und schaut nach vorn, wo die Museen im Rückblick die internationalen Heroen der lokalen Kunst- und Akademiegeschichte (Joseph Beuys, Nam June Paik, James Lee Byars, Stephen Shore) feiern.

Unter dem Titel "Deutschlandpremieren" bereiten die Galerien Künstlern respektable One-Man-Shows, die in Deutschland noch keine Einzelausstellung hatten - weder in Galerien noch in Museen. Da sind reichlich Entdeckungen zu machen. Düsseldorf zeigt sich hier am Puls der Zeit, die die Figuration liebt und sie bisweilen gekonnt auflöst, die in Schönheit schwelgt und den Schrecken doch nicht ausblendet.

Blick ins Innere der Pflanzen

Nie waren Nadelstiche so wenig verletzend und so attraktiv wie in den Arbeiten von Amparo Sard. Die 37-jährige Spanierin zeichnet Selbstbildnisse ohne Pinsel und Stift. Ihre wie im Traum geschauten, leicht surrealen Szenen stichelt sie mit feinsten Nadeln in Papier, das auf feuchtem Teppich liegt. So quillt das Trägermaterial etwas auf, die "Zeichnung" hebt sich wie ein Relief vom Grund ab.

"Das Schöne und das Böse", so ließe sich der Themenkreis umschreiben, in dem sich Sard selbst in einem Folklorekleid darstellt, mal mit übergroßen Insekten, mal beim Besticken der eigenen Haut. Die kleineren Blätter kosten in der Galerie Voss 3 500 Euro, die größeren 10 000 Euro. Amparo Sards "gepixelte Stickereien" und ein Video umkreisen neben der Einsamkeit stets weibliche Rollenbilder und Tätigkeiten (bis 9.10.).

Fein säuberlich geordnet liegt traditionelles blau-weißes Porzellan auf 54 Laden, wie man sie in Archiven verwendet. Doch nicht etwa Exportporzellan hat der seit 1989 in Paris lebende Exilchinese Yang Jiechang herstellen und von Hand bemalen lassen, sondern die Nachbildung menschlicher Gebeine.

Hüft-, Arm- und Unterschenkelknochen sind hier nicht nur allgemeines Symbol für Vergänglichkeit, sondern blütentreibende Erinnerung an die beim Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens umgekommenen Demonstranten. Die 400-teilige Installation "Underground Flowers" kostet 200 000 Euro und erinnert auch an aktuelle Menschenrechtsverletzungen in China.

Helga Weckop-Conrads, die Initiatorin der "Deutschlandpremieren", und ihr Mann entdeckten Yangs Installation auf der Biennale von Lyon vor zwei Jahren: "Yang hat nie westliche Attitüden und Techniken angenommen."

Das zeigt sich in beeindruckender Weise in seiner monumentalen Malerei mit Tusche und Mineralfarbe auf Seide. Motive wie Bäume oder Wolken entstammen der chinesischen Tradition; doch so wie Feuer oder Wind hier die Ordnung durcheinander wirbeln und Bäume entwurzeln, wird klar: Das sind Selbstporträts eines Heimatlosen. Diese gleichzeitig klassischen und modernen Landschaftsgemälde kosten zwischen 25 000 und 140 000 Euro (bis 16.10.).

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