Gallery Weekend Berlin
Die entspannte Art der Kunstvermittlung

Mit dem Gallery Weekend starten hochkarätige Ausstellungen in Berlin. Sie sind besser als jede Messe mit ihrem eingefahrenen Pflichtprogramm. Denn hier erfindet sich die Galerieszene neu.
  • 0

BerlinDie Galerieszene erfindet sich in neuen Quartieren und Promeniermeilen immer wieder neu. Aber auch bei den Alteingesessenen gibt es keinen Stillstand. Sie zeigen mit alten und neuen Künstlern von Tinguely bis Rosa Barba Flagge und machen so den Schaulauf zum vielstimmigen Ereignis. Die geschätzte Besucherzahl für das jüngste Wochenende mit seinen 44 parallelen, auch sonntags geöffneten Galerieausstellungen liegt bei 30.000.

Am meisten profitierte die neue Galeriemeile an der Potsdamer Straße von dem beliebten Event. Dichte Menschentrauben drängten sich am Freitag im Hof des inzwischen von sechs Galerien bespielten „Tagesspiegel“-Geländes, wo das Berliner Debüt der Londoner Galerie Blain/Southern Furore machte. Lange Schlangen bildeten sich in der ehemaligen Druckerei vor der Rauminstallation des Künstlerduos Tim Noble und Sue Webster. Mystisch dunkle Gänge einer Scheinarchitektur führen zu einer Grabkammer, in der zwei vergoldete Tierknochenklumpen den Schatten beider Künstler auf die Wand werfen.

Das Werk spielt mit dem Pharaonenmythos und touristischer Sensationsgier. Es reduziert die Abbildfunktion der Grabskulptur auf ein Schattenspiel, das sich aus profanen Tierresten speist. Der Schatten als das von Plinius überlieferte Urbild der Kunst und als Ausfluss der Vanitasidee: auch auf diesen Doppelaspekt lässt sich das monumentale Werk zurückführen (bis 16. Juli).

Sterling Ruby visualisiert Isolation und Urängste

Starken Tobak bietet die Ausstellung mit Werken des kalifornischen Künstlers Sterling Ruby bei Sprüth Magers. In mehreren Räumen stöhnen und wichsen „Masturbators“ mechanisch in lebensgroßen Videoprojektionen – bedrängende Abbilder der Pornoindustrie. In den Hauptsälen hat Ruby eine nicht weniger obsessive Megainstallation geschaffen, in der monumentale Blutstropfen und Blutstürze, düstere Tafeln und Balken eine klaustrophobische Stimmung verbreiten. Das Leiden des Künstlers an einer brutalen Welt, an der Isolation des Ich und der anderen führt uns hier auf eigene Urängste zurück (18.000 bis 165.000 Euro; bis 28.5.).

Neben solchen „Knallern“ haben es die Nachbarn natürlich schwer. Gleichwohl punktet die aus der toten Zimmerstraße in das „Tagesspiegel“-Gelände gezogene Galerie Jiri Svestka mit einer Soloschau des Schweizer Künstlers Stefan à Wengen. Der behandelt mit melancholisch verschatteten Farben die Themen Kannibalismus, Einsamkeit, Tod; im Tierporträt und Selbstbildnis zitiert er Dürer (6.000 bis 20.000 Euro, bis 25. Juni).

Auf der anderen Straßenseite bei Arndt hielten die Veteranen Gilbert & George Hof, signierten ihren aufwendig gedruckten Luxuskatalog und präsentierten sich huldvoll als lebende Skulpturen inmitten ihrer Ausstellung mit formal strengen, aber thematisch und farblich variablen Postkartenbildern („The Urethra Postcard Art“: jedes der 52 Werke kostet 16.750 Pfund). Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die zwei Altvorderen ausstellen, findet nur bei wenigen jungen Künstler kaum eine Entsprechung. Immerhin gibt es hier auch Positionen, die den Bierernst der Märkte konterkarieren.

Kommentare zu " Gallery Weekend Berlin: Die entspannte Art der Kunstvermittlung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%