Galteristin Sadie Coles
„Man müsste schon ein Idiot sein“

Sadie Coles führt eine der Top-Galerien in London und prangert die Preistreiberei auf den jüngsten Kunstauktionen an. Ein ästhetisches Programm hat sie nicht. Nur den Instinkt, mit dem sie ihre Künstler auswählt.

LONDON. Die zierliche junge Frau steht oben im Büro mit einem Londoner Banker. Sadie Coles betrachtet mit ihrem Kunden „Joke Paintings“ von Richard Prince, die an den Wänden lehnen. Die großen Werke mit ihren Witztexten sind frisch ausgepackt. Die Ausstellung unten in ihrer Galerie startet erst in ein paar Tagen. Aber die Kunden warten nicht. Sie wissen, dass Eile geboten ist.

Der US-Künstler ist heiß. Eine Cowboy-Fotografie nach einer Marlboro-Reklame wurde eben in New York für 1,2 Millionen Dollar versteigert – das teuerste Foto der Auktionsgeschichte.

„Ein paar Sekunden noch“, sagt Coles und macht energisch die Bürotüre zu. Zwanzig Minuten später ist der Handel perfekt. Den Preis verrät sie nicht. Diskretion ist Ehrensache. Aber Prince-Galeriepreise rangieren zwischen 250 000 und 400 000 Dollar.

Die Engländerin Sadie Coles fördert und entdeckt junge Künstler und handelt mit den begehrtesten Namen wie Prince oder der US-Malerin Elizabeth Peyton, deren Porträts immer neue Rekordpreise erzielen. Ungeschminkt, ohne Allüren tritt Coles auf. Aber die Frau im mausgrauen Jäckchen weiß um die Macht, die sie im Kunstmarkt hat.

„Sie ist eine der einflussreichsten Galeristinnen in der aktuellen europäischen Kunstszene“, sagt Christian Boros, Inhaber der gleichnamigen Werbeagentur in Wuppertal und einer der großen Sammler aktueller Kunst in Deutschland.

Wer bei Sadie Coles einen Prince kaufen darf, kann sich geschmeichelt fühlen – nicht nur wegen der langen Warteliste. „Mit so einem Bild verschenke ich 70 000 oder 100 000 Dollar“, erzählt sie und meint die Kluft zwischen der Galerie und den Auktionen, wo die Preise durch die überschäumende Nachfrage hoch getrieben werden. „Wir wollen die Preise rund ein Drittel unter den Auktionspreisen halten.“ Sie weiß, dass ein stabiler Markt auf Dauer besser ist für ihre Künstler als übertriebene Rekordpreise. Deshalb hasst sie nichts so wie Spekulanten, die Werke direkt aus der Galerie in eine Auktion einliefern, um den Gewinn gleich mitzunehmen. Und deshalb prüfte sie die Kaufabsichten des Londoner Bankers so genau.

Seite 1:

„Man müsste schon ein Idiot sein“

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%