Gazprom: Gigant im Griff des Kremls

Gazprom
Gigant im Griff des Kremls

Zwei kürzlich in Deutschland erschienene Bücher versuchen die Machtfülle des russischen Energieriesen Gazprom zu durchleuchten. Das Fazit: In beiden Fällen handelt es sich um spannende Lektüre, jedoch mit zahlreichen sachlichen Fehlern.

BERLIN. Am Anfang war der Sozialstaat: Die Sowjetunion war gerade gestorben und damit die Versorgung des Homo sovieticus von der Wiege bis zur Bahre. In den Geburtswehen des unabhängigen Russlands konnten die über Nacht ihrer Sparguthaben beraubten Menschen ihre Strom-, Wasser- und Gasrechnungen nicht mehr bezahlen. Gazprom lieferte trotzdem weiter. Sogar an die sterbenden Kombinate, deren Waren mit Aufkommen des Kapitalismus zwar niemand mehr haben wollte, die aber dennoch weiter tapfer ihre Halden höher stapelten.

Andererseits hielt der Gasgigant so ein Land zusammen, das gefährlich an den Rändern bröckelte, und begründete so den Stolz der "Gasowiki" genannten russischen Gasarbeiter. Inzwischen ist Gazprom sogar zum teuersten börsennotierten Konzern Europas geworden - und ist dennoch mehrheitlich im staatlichen Kreml-Griff.

Diese gewaltigen Widersprüche locken die Autoren der ersten deutschsprachigen Bücher über Gazprom zur Auseinandersetzung mit diesem Unternehmen. Die beiden russischen Autoren Waleri Panjuschkin und Michail Sygar hätten aber noch einen Anreiz gehabt, berichten sie bei einem Treffen in Berlin: "Gazprom ist wie damals der Sputnik eines der wenigen Wörter, die unübersetzt aus dem Russischen in den westlichen Sprachgebrauch Einzug gehalten haben."

Vor allem um die Macht des Molochs aber geht es in beiden Werken. Wie politisch das russische Gasgeschäft schon immer war, zeigt ein Blick in die Geschichte: Der von den Kommunisten und Konrad Adenauer gewollte Energiehandel wurde von John F. Kennedy noch 1963 wegen US-Vorbehalten durchkreuzt und wurde erst 1970 durch das mit Leonid Breschnew besiegelte Erdgas-Röhren-Geschäft Teil von Willy Brandts Ostpolitik.

Heute macht Gazprom nicht auf Wandel durch Annäherung, sondern kanzelt unliebsame Kunden aus politischen Gründen ab - wie die Ukraine, der kurzerhand von Moskau der Gashahn abgedreht wurde. All dies beschreiben vor allem die beiden russischen Reporter Panjuschkin und Sygar detailliert.

Zum Verhängnis wird den beiden dabei aber, dass sie dabei trotzig an der Chronologie der Ereignisse festhalten. So muss der Leser 124 Seiten lang durchhalten, bis das Buch langsam auf die Zielgerade zum aktuellen Konzern einbiegt und erstmals der Name des Vorstandsvorsitzenden Alexej Miller vorkommt. Davor schmücken Panjuschkin und Sygar die Kapitel zwar kenntnisreich mit teilweise neuen und erheiternden Schmonzetten - aber zumeist aus dem untergegangenen Russland der Jelzin-Ära.

Seite 1:

Gigant im Griff des Kremls

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%