Gefällige Musik aus Frankreich
Lieder zum Entspannen und Verführen

Wer beim Wort Chanson immer noch an Männer mit zerfurchten Gesichtern und Gauloises-gegerbten Stimmen denkt, wird sich wundern: Die neuen Stars sind jung, sehr attraktiv und machen vor allem gefällige Musik.

Zu den ganz Großen gehören Benjamin Biolay, der beim Musikfestival „Francofolies“ in Berlin vom 18. bis 21. September auftreten wird sowie Carla Bruni. Bei beiden kommt zum musikalischen Talent ein gewisser Glamour-Faktor. Monsieur Biolay sieht blendend aus und ist mit Chiara Mastroianni, Tochter der Filmgötter Cathérine Deneuve und Marcello Mastroianni, verheiratet. Madame Bruni haucht auf ihrer ersten CD „Quelqu’un m’a dit“ so verführerisch vom schnell verblühenden Leben, dass gleich über eine Million Fans ihr Album kauften. Ihre Vergangenheit als affärenreiches Top-Model trug sicher zu ihrem Erfolg bei.

Der Boom des französischen Chansons lässt sich datieren. Amélie Poulain, eine pralinenäugige Schönheit, löste im Sommer 2001 das Revival aus. Der Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und sein Soundtrack von Yann Tiersen wurden zum Hit. Deutschen Kinogängern begann langsam zu dämmern, dass Frankreich neben Champagner, Wein und Käse auch eine interessante Musikszene zu bieten hat.

Ein Jahr später verstärkten die zwei Kölner DJs Oliver Fröschke und Ralf Witteler den Trend durch ihre Compilation „Le Pop“. Die aufmerksamen Beobachter der Nouvelle Scène Française, die ihren Anfang in Nantes nahm, versammelten auf ihrer CD alle wichtigen Sänger von Françoiz Breut bis Keren Ann. Die Verkaufszahlen kletterten in den fünfstelligen Bereich. Jetzt legen Fröschke und Witteler nach und bringen im September „Le Pop 2“ heraus.

Pop à la française ist derzeit so angesagt wie in den 60er-Jahren. Auf Parties und im Radio wird endlich wieder von „sentiments“ und „frissons“ gesungen. „Die neue französische Musik passt gut zu unserem Frankreichbild: Sie ist leicht melancholisch, elegant, mit Anklängen an die 60er-Jahre“, erklärt Gerd Heger, Chansonexperte beim Saarländischen Rundfunk, die wiederentdeckte Liebe fürs französische Liedgut. Jeden Freitag stellt er in seiner Sendung „Rendezvous Chanson“ zwischen 23 und 24 Uhr Neuheiten aus der gesamten Französisch sprechenden Musikszene vor.

„Die Deutschen haben einen latenten Frankreichbezug und der neue Pop geht ins Ohr, ohne dass man die Text verstehen muss“, meint der Musikjournalist und Veranstalter Thomas Bohnet. Seine musikalischen „Tour de France“- Abende erfreuen sich in München bereits seit drei Jahren großer Beliebtheit. Ab September wird Bohnet auch in Berlin aktiv.

Die Gründe für ein Revival der französischen Musik sind mannigfach. Sie drückt einfach ein gewisses Lebensgefühl aus und lässt Urlaubserinnerungen wach werden. Die Sprache wirkt wie Musik. Wer die Stimme einer Karin Clercq oder eines Benjamin Biolay hört, kann gar nicht anders, als an elegante Kultfilme von François Truffaut oder Claude Chabrol zu denken: An schöne, etwas gelangweilte Menschen, die sich gerne in amourösen Verstrickungen verheddern.

Das neue Chanson ist vielseitig, bietet für jeden etwas, ohne die politische Schwere der Vergangenheit. Benjamin Biolay, Carla Bruni oder die aus Belgien stammende Karin Clercq entsprechen mit ihren Liedern gekonnt melancholischen Tendenzen einer gehobenen, jungen Mittelschicht.

Der Schauspieler und Sänger Patrick Bruel beschwört auf seiner CD „Entre deux ...“ romantische Erinnerungen an das Paris der 30er-Jahre herauf, als es die Markthallen noch gab und ein Ballon rouge fast nichts kostete. Stephan Eicher ist mit seinen Texten über Beziehungen, Trennungen und die harte Realität eher in der Jetztzeit verankert. Seine anspruchsvollen Texte lassen Vergleiche aufkommen mit Herbert Grönemeyer, der mit auf seiner neuen CD „Taxi Europa“ vertreten ist.

Im Zuge der Chanson-Reanimation werden auch frühere Größen wieder aktiv, etwa Françoise Hardy. Die Blondine, sie war in den 60er- Jahren die Traumfrau des Chansons, arbeitet wieder an einem neuen Album. Jane Birkin ist die unvergessene Kindfrau des europäischen Kinos der 60er- und 70er-Jahre und Exgattin des verstorbenen Serge Gainsbourg. Sie stellte gerade erfolgreich ihre neue, arabisch angehauchte CD „Arabesque“ vor, auf der viele Texte aus der Feder ihres Ex-Mannes stammen. Überhaupt Serge, der Große. Ohne ihn würde es die Nouvelle Scène Française gar nicht geben. „Von Biolay bis Clercq, alle beziehen sich auf Serge Gainsbourg“, so Gerd Heger vom Saarländischen Rundfunk.

Nicht zuletzt spricht Pop à la française deshalb so viele an, weil er einfach schön anregt und zu jeder Stimmung passt. Ob man sich entspannen will oder lieber verführen möchte. Merci, chers voisins, pour la musique.

Die neue Welle des alten Chansons

CDS: Jane Birkin „Arabesque, EMI. Wohlklingende Fusion bekannter Texte mit arabischen Klängen.

Patrick Bruel „Entre deux ...“, BMG Ariola; Chansons, so schön wie alte Schwarz- Weiß-Postkarten von Paris.

Carla Bruni „Quelqu’un m’a dit“, Naive. Carla und die Gitarre – bezauberndes Debut-Album.

Karin Clercq „Femme X“, Pias Recordings. Mit Rock und Pop unterlegte, harte Texte.

Thomas Fersen „Piéce montée des grands jours“, Warner. Elegantes 11-Gänge-Menü aus swingendem Chanson und Retro-Rock.

Stephan Eicher „Taxi Europa“, Virgin Music. Der Französisch sprechende Herbert Grönemeyer.

French Connection I u. II Edel records; Mitreißende Partymusik.

Françoise Hardy „Messages Personnels“, Virgin France. Die größten Hits.

Le Pop 2 und 2. Melting Pot Music; Le Pop Musik. Schöner Überblick über die aktuelle Chanson-Szene.

Jacques Dutronc „Madame L’Existence“, Columbia. Der Meister meldet sich zurück. Sprechgesang vom Feinsten.

Deutsche und Pariser Bars

Berlin, Tour de France Roter Salon an der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Tel. 030/24065806 Erster Termin: 27. September

Köln, Le Pop au Bar. Gereonswall 12-14, Tel. 0221/9123832 Immer am 4. Sonntag im Monat. Nächster Termin: 21. September

München, Tour de France Café der Muffathalle, Zellstraße 4, Tel. 089/45875010 Jeden 1. Freitag im Monat. Nächster Termin: 5. September

Paris, Chez Prune Schicke In-Bar am Kanal Saint- Martin, in der hauptsächlich Retro-Chansons laufen. Rue Beaurepaire 36, Tel. 00391/42413047

Paris, L’île enchantée Pop-Bar u. Club, ab und an mit DJs. Boulevard de la Villette, 65, Tel. 00391/42016799

Quelle: Handelsblatt

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