Geldwäsche im Kunstmarkt
„Eine Selbstregulierung wäre möglich“

Intransparenz und Interessenkonflikte machen den Kunstmarkt zum idealen Nährboden für Geldwäsche und Steuerbetrug. Die Schweizer Rechtsanwältin Monika Roth deckt in ihrem jüngsten Buch zweifelhafte oder kriminelle Praktiken systematisch auf und benennt auch den Handlungsbedarf bei Gesetzgeber, Justiz und Marktteilnehmern.

ZürichHandelsblatt: Wenn es um Geldwäsche im Kunstmarkt geht, argumentieren Sie vor allem ethisch und appellieren an die Akteure des Kunstmarktes. Gelten Regeln zur Geldwäsche nicht? Oder werden sie nur von den Akteuren nicht angewandt und das von den Behörden nicht verfolgt? Es gibt Datenbanken mit PEP (Politisch exponierten Personen), bei denen Banken und andere Finanzdienstleister ihre potentiellen Kunden checken können und müssen. Sollte das für alle Branchen verpflichtend sein, oder ist es das nach geltendem Recht schon? Ab welcher Größenordnung bei Geschäften sollte man beginnen?

Monika Roth: Da der Kunstmarkt zuwenig beziehungsweise gar nicht reguliert ist, versuche ich mit meinem Buch, den Handlungsbedarf aufzuzeigen. Die PEP-Datenbanken beziehungsweise deren Gebrauch ist nur für Finanzinstitute verpflichtend, was ich falsch finde. Kunst ist eine Investmentform und man weiß aus vielen Vorkommnissen, dass Korruptionsgelder oder Geld aus der Plünderung öffentlicher Kassen durch Potentaten in Kunst angelegt wird (wie auch in Immobilien). Das muss aufhören.

Schon die Definition von Finanzinstituten ist schwierig. Schattenbanken und Private Equity-Vehikel sind wenig bis gar nicht reguliert. Wie soll das bei Kunsthändlern funktionieren, die bis auf wenige Ausnahmen Kleinunternehmer sind?

Der Kunsthandel kann sehr wohl definiert werden. Das hat zunächst nichts mit der Größe zu tun. Das ist ja kein aufwendiges Verfahren. Da reicht oft eine Internetsuche aus.

Lassen sich die zweifelhaften Praktiken am Kunstmarkt folgendermaßen zuordnen? Preisabsprachen, Insiderhandel und Marktmanipulation sind die vorherrschenden Praktiken im Primärmarkt, Geldwäsche und Steuerbetrug (und Betrug) sind vornehmlich Phänomene des Sekundärmarkts.

Diese Zuordnung würde ich so nicht vornehmen.

Glauben Sie, dass alle illegalen oder zweifelhaften Praktiken gleichmäßig über alle Sparten verteilt sind? Zumindest Fälschung und Hehlerei sollten im Primärmarkt doch praktisch ausgeschlossen sein und Insiderhandel mit Shooting Stars im Sekundärmarkt ebenfalls.

Ersteres ja und zweitens nein. In meinem Buch beschreibe ich ja gerade solche mit Shooting Stars. Im Übrigen ist es ja so, dass die Intransparenz, Interessenkonflikte und weitere Punkte die Eignung des Kunstmarktes zur Geldwäscherei fördern. Ich habe soeben einen Beitrag verfasst, der in 2016 in England in einem Buch publiziert werden wird. Dort habe ich über 45 Faktoren identifiziert, welche die Eignung des Kunstmarktes für die Geldwäscherei fördern bzw. schaffen.

Können Sie einige davon nennen, die Ihnen besonders wichtig oder augenfällig erscheinen - oder vielleicht auch besonders perfide?

Es geht nicht um perfide. Die einzelnen Faktoren stellen nicht immer per se ein Risiko dar, sondern in Kombination mit anderen Eigenheiten des Kunstmarkts.

Wenn Zollfreilager qua Gesetz nicht zur dauerhaften Lagerung bestimmt sind, besteht dann nicht längst eine Handhabe gegen die gängige Praxis? Ließen sich die Regeln nicht einfach dadurch einhalten, dass ein Objekt in den notwendigen Abständen ausgeführt und reimportiert wird? In einem kürzlich eröffneten Freilager sollten nach ursprünglicher Planung sogar Kunstauktionen durchgeführt werden.

In den ZFL (Zollfreilagern) der Schweiz liegen heute nach inoffiziellen Schätzungen der Versicherungsbranche Werte von über 100 Milliarden Franken. Durch die Finanzkrise suchen Investoren weltweit nach erhöhter Diversifikation in der Vermögensanlage und wollen diese Werte unabhängiger von Banken aufbewahren. Dadurch hat sich die Nachfrage nach Lagerplätzen in den vergangen Jahren deutlich erhöht. Die Bewegungen innerhalb der Lager sind mittlerweile sehr gering und der Verwendungszweck des ZFL wird durch die Dauerlagerungen, oft verbunden mit Eigentümerwechseln, immer weiter entfremdet. Es kommt auch kaum noch etwas raus. Bis 2005 gab es in der Schweiz keine Dauerlagerung und diese wurde 2005 ohne große Diskussion eingeführt. Das ist meines Erachtens das Hauptproblem verbunden mit dem Faktum, dass dem Bundesrat die Einsicht fehlt, dass hier etwas gehen muss. Es ist wie beim Bankgeheimnis: man sitzt es aus.

Heißt das, innerhalb der Zollfreilager wird nur noch wenig gehandelt? Woran liegt das?

Nein, das ist falsch: es wird gehandelt, die Eigentümerwechsel finden innerhalb des Lagers statt, was die Intransparenz fördert bzw. stärkt.

Sie listen Fehler, Missbrauchsmöglichkeiten und blinde Flecken des Kunstmarktes so umfassend auf, dass der Eindruck eines durch und durch anrüchigen bis kriminellen Millieus entsteht. Muss man den Kunstmarkt abschaffen oder ähnlich streng regulieren, wie das für die Finanzbranche gefordert und zum Teil auch realisiert wird? Das würde dann wohl auf seine Abschaffung hinauslaufen.

Es sind nicht alle Akteure zu kritisieren. Es sind nicht alle so. Aber die Integren müssen ein Interesse haben, dass die illegitimen Machenschaften beendet werden. Denn diese beschädigen den Ruf der ganzen Branche.

Liegt ein Großteil der Attraktivität von Kunst gegenüber anderen Wertanlagen nicht in ihrer Ambivalenz von kulturellem und materiellem Wert, wodurch sie sich bisher weitgehend erfolgreich einer Regulierung entzogen hat und in der Intransparenz des Marktes?

Ja, dem kann ich zustimmen.

Wie sehen mögliche Konzepte jenseits des moralischen Appells aus?

Selbstregulierung wäre möglich, wenn beispielsweise die großen Akteure, wozu ich die Art Basel und die UBS als Sponsor zähle, die Einsicht in die Notwendigkeit hätten.

Seite 1:

„Eine Selbstregulierung wäre möglich“

Seite 2:

Strafrechtliche Konsequenzen von Preismanipulationen

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