Gerd Langguth versucht, Angela Merkel zu enträtseln – doch sein Gegenstand entzieht sich ihm hartnäckig
Sphinx ohne Geheimnis

Angela Merkel hat "etwas Sphinxhaftes an sich". So steht es auf der ersten Seite von Gerd Langguths neuer Biografie der CDU-Chefin und demnächst wahrscheinlich mächtigsten Frau Deutschlands. Sphinxe geben bekanntlich Rätsel auf, und dieses Rätsel will Langguth lösen: "Wir wollen die Motivlage einer Frau erkunden: Warum und mit welcher Methode will sie das einflussreichste politische Amt in der Bundesrepublik Deutschland, das des Bundeskanzlers, erkämpfen."

HB BERLIN. Ihre Rätselhaftigkeit hat viel damit zu tun, dass sie die ersten 35 Jahre ihres Lebens völlig außerhalb der Politik und obendrein in der DDR verbracht hat. 35 in keiner Weise bemerkenswerte Jahre: Ihr Vater ist evangelischer Pfarrer, aber aufgeschlossen gegenüber der DDR. Merkel selbst, ein stilles, braves Mädchen, tritt in die DDR-Jugendorganisation FDJ ein, schließt jedes Jahr als Klassenbeste ab und kann so - ungewöhnlich für Pfarrerskinder - Abitur machen.

Sie studiert in Leipzig Physik, promoviert und forscht jahrelang in Berlin vor sich hin, innerlich auf Abstand zum System, aber ohne anzuecken, ohne aufzubegehren. Dann fällt die Mauer und mit ihr das Regime. Im Dezember 1989 meldet sie sich nach einem Orientierungsbesuch bei den Sozialdemokraten beim "Demokratischen Aufbruch" (DA) des Berliner Pfarrers und späteren letzten DDR-Verteidigungsministers Rainer Eppelmann. Warum? Nun, sie will eben mittun, wie so viele andere auch in dieser Zeit.

Sie übernimmt die Pressearbeit des DA, macht einen guten Job. Sie kommt in den Vorstand, macht weiter einen guten Job. Kurz vor der Volkskammerwahl 1990 wird der DA-Spitzenkandidat Wolfgang Schnur als Stasispitzel enttarnt. Der DA kommt nicht einmal auf ein Prozent - einen Moment lang sieht es so aus, als sei die kurze politische Karriere der Angela Merkel schon wieder beendet. Doch der neue CDU-Ministerpräsident Lothar de Maizière nimmt sie als stellvertretende Regierungssprecherin an Bord. Warum? Sie war ihm als tüchtige junge Frau empfohlen worden.

Dann kommt die Einheit, der DA fusioniert mit der CDU, Merkel lernt Helmut Kohl kennen, wird in den Bundestag gewählt, und kurz darauf ist sie Ministerin. Nie zuvor hatte jemand so Junges, so Neues eine so steile Karriere gemacht in der Politik. Da kann man schon ins Rätseln kommen.

Langguth scheut sich nicht, aus seinen eher anekdotisch erzählten Recherchen sehr lapidar begründete psychologische Schlussfolgerungen zu ziehen: Dass ihr Vater anderen gegenüber verständnisvoll und der Familie gegenüber genau war, ist für ihn ein "Schlüsselsatz zum Verständnis von Angela Merkel heute: Sie verlangt für die Politik ordentliche und perfekte Lösungen - dies aber häufig auf eine als sehr kalt erscheinende Weise." Die Anekdote, dass sie als Schülerin eine Dreiviertelstunde auf dem Dreimeterbrett stand, bevor sie zu springen wagte, deutet er als Beleg für die These: "Sie packt zu, wenn die Zeit gekommen ist."

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