Gerhard Richter
Verfremdende Unschärfe

Wer in den kommenden Wochen die Hamburger Kunsthalle besucht, wird sich wohl die Augen reiben oder die Brille putzen. Denn was da an den Wänden hängt, ist unscharf - und passt damit zum Motto der Sonderausstellung.
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HamburgWer in den kommenden Wochen die Hamburger Kunsthalle besucht, wird sich wahrscheinlich häufiger dabei erwischen, wie er sich die Augen reibt oder, falls vorhanden, die Brille sauber putzt. Was da an den Wänden hängt, erscheint einem mehr oder weniger undeutlich, verschwommen - ja, unscharf. Und genau so heißt die neue Sonderausstellung: "Unscharf". Im Mittelpunkt steht, ebenso wie in der aktuellen Schau "Bilder einer Epoche" im nur wenige hundert Meter entfernten Bucerius Kunst Forum, der Künstler Gerhard Richter. Dessen Malerei spielt seit nahezu 50 Jahren mit dem Element der Unschärfe und hat dabei Maßstäbe in der zeitgenössischen Kunst gesetzt - und viele Nachfolger gefunden.

Blick aufs figurative Frühwerk

Diese beachtliche Parallelaktion der beiden hanseatischen Kunstinstitutionen nähert sich von zwei unterschiedlichen Seiten dem großen Werk des 79-jährigen, in Dresden geborenen Künstlers. Während die Kunsthalle Bezüge zwischen Richters Malerei und dem Werk anderer zeitgenössischer Künstler aufzeigt, konzentriert sich das Bucerius-Forum auf Bilder aus den 1960er-Jahren, einer auch biographisch markanten Zeit in Leben und Werk des Malers. Nach einem Studium an der Dresdener Kunstakademie war Richter 1961 in die Bundesrepublik geflohen, wenige Monate vor dem Mauerbau. Dort setzte er bis 1964 sein Kunststudium an der Kunstakademie in Düsseldorf fort, seine in der DDR entstandenen Werke musste er dort zurücklassen, erhalten ist nur Weniges.

Im Bucerius-Forum ist zu sehen, wie Richter im Westen einen künstlerischen Neuanfang unternimmt. Es ist eine Zeit, die Richter auch nachträglich als große Befreiung ansieht. Die Ausstellung zeigt, wie Richter Vorlagen für seine Bilder suchte und fand - und wie er sie in ein ganz eigenständiges Bilderpanorama seiner Zeit übertragen hat. Das fängt an mit Motiven aus Richters unmittelbarer Lebensumgebung, von der Nachtischlampe bis zur Klorolle, wiedergegeben in Schwarzweiß mit interessanten Licht-Schatten-Effekten. Die banalen Objekte scheinen von der Umgebung gelöst, die malerische Herausforderung steht im Mittelpunkt. 30 Jahre später wird der belgische Maler Luc Tuymans mit einem nahezu identischen Ansatz ebenfalls sehr erfolgreich agieren, bei Richter scheint aber der Kontrast zu den in der DDR geforderten ideologischen Bekenntnissen auf der Leinwand schlagend.

Keine Scheu vor dem Thema Tod

Weniger unmittelbar ist Richters Zugang zu den Motiven, die auf Zeitschriftenabbildungen, Annoncen und Schwarzweiß-Fotografien beruhen. Da scheint Richter mit einem primär gestalterischen Blick nach Vorlagen gesucht zu haben, wobei ein besonderes Interesse an den Themen Tod und historische Verstrickung sichtbar wird. Richter gibt Bilder von Mordopfern wieder, aber auch die trauernde Jackie Kennedy und den Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald. In einer Abbildung eines Kampfflugzeugs ("XL 513", 1964) aus dem Museum Frieder Burda taucht erstmals Farbe auf, ein verwaschenes Rot schmuggelt sich unter die vielen Grautöne, die dieses Bild prägen. Fast gleichzeitig malt Richter das große Bildnis von "Onkel Rudi" (1965) nach einer Fotografie, die den Mann in NS-Uniform zeigt. Fotos dieser Art fanden sich seinerzeit in beinahe allen deutschen Familienalben. Ein solches Foto in der Wirtschaftswunder-Bundesrepublik der Verdränger und Verleugner aber in einer völlig unheroischen, verwaschenen Manier zu malen, war - drei Jahre vor 1968 - ein politischer Akt.

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