Geschäftssprache
@zende Zeitfenster

Die moderne Geschäftswelt des 21. Jahrhunderts droht vor Anglizismen und fragwürdig aufgeblähten, sinnentleerten Floskeln zu zerbersten. Sag mir, wie du sprichst, und ich sage dir, wer du bist. Oder warum die Unternehmenssprache alles offen lässt –und deshalb auch nicht ganz dicht ist.

HB. Wenn Sie unbedingt wissen wollen, warum es in diesem Land gar nicht genug Sprachkritik geben kann und warum wir befürchten müssen, dass unser gutes, altes Deutsch an Saff und Kraff verliert und warum wir das Sprechen und Schreiben nicht weiter dem höheren Unsinn überlassen sollten, dann begeben Sie sich nach Stralsund vor den Bahnhof. Dort wirbt die mecklenburgisch-vorpommersche Niederlassung der Triumph-Adler für sich als „starker Solution-Partner für @Papiermanagement“. Die beispielhafte Selbstentblödung des Unternehmens führt uns zu unterschiedlichen Überlegungen. Unsere erste und spontane Reaktion könnte Bismarck sein, der bekanntlich gesagt haben soll: „Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg. Dort geht sie 50 Jahre später unter.“ Womöglich ergeht es gerade so den Solution-Partnern von Triumph-Adler, die erst in 50 Jahren mitkriegen werden, dass anglizistischer Kappes im Rest der Werbe- und Marketing-Republik an Durchschlagskraft verliert, im @Papiermanagement allzumal. Die Spreiz- und Blählaberer unter den Marketingfuzzies würden in diesem Zusammenhang von „Penetrationspotenzial“ faseln und damit die Halbwüchsigen zum Kichern und ihre Erziehungsberechtigten zu dem Zweifel bringen, ob die moderne Geschäftswelt sie nicht mehr alle hat. Sag mir, wie du sprichst, und ich sage dir, wer du bist.

Wie kann es sein, dass eine so wunderbar ungewundene Sprache, der Martin Luther sein „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“ schenkte, im 21. Jahrhundert bei solchen Wendungen angekommen ist: „Nach der Festlegung des strategischen Handlungsprogramms werden die zur Zielerreichung erforderlichen Maßnahmen abgeleitet und priorisiert“? Wir können nur erahnen, warum unser wunderbares Verständigungsmittel mit dergleichen geradezu paradigmatisch zu verdämmern droht, hin zu aufgeplustertem Halbsinn und wortreichem Hülsenballast und zu einer Vagheit, die alles offenlässt und deshalb auch nicht ganz dicht ist.

Leider ist diese vernichtende Botschaft noch längst nicht bis in den letzten Herrgottswinkel der deutschsprachigen Geschäftswelt durchgedrungen, sonst hätte Telekom-Chef René Obermann neulich nicht gebläht: „Um uns auch auf diesen Feldern im Wettbewerb differenzieren zu können, werden wir den seit letztem Jahr eingeschlagenen Reformkurs nicht nur konsequent fortsetzen, sondern weiter intensivieren müssen“, sondern vielleicht: „Wir müssen uns noch mehr anstrengen, um wieder ordentlich Geld zu verdienen.“ Obermann ist einer dieser Chefs, dem die Redenschreiber gerne Wendungen in die Manuskripte tippen, wo mal vor lauter Substantivierungen die Verben (Tu!-Wörter) auszugehen drohen („wichtig für die Stärkung unseres Geschäfts ist die Neuausrichtung“). Und wenn sie denn kommen, dann sogar noch besser: „Wir haben uns organisatorisch und personell neu aufgestellt.“ Wie ein Ur-Reflex geistert das Bild vom Aufstellen – ob breit oder gut oder optimal – durch die Begriffsbildung der Wirtschaft. Wann immer ein Wirtschaftskapitän einem Wirtschaftsforscher versichern will, dass er auf unterschiedliche Weise Geschäfte macht und insofern verschiedentlichst vorgesorgt zu haben glaubt, spricht er davon, breit aufgestellt zu sein. Das schiefe Bild hat eine Wirkungsgeschichte, die nur noch mit der Legende vom Koloss von Rhodos zu vergleichen ist, der sich tatsächlich breit aufgestellt hatte, weil nun mal am oder überm Hafen platziert. Führungskräfte, die das Begriffspaar verwenden, während sie etwas kümmerlich hinter einem viel zu hohen Rednerpult verhungern, wirken lächerlich.

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