Geschenke in letzter Minute (1)
Vom Leben mit Kunst

Marianne Feilchenfeldt Breslauer hat die Höhen und die Tiefen des 20. Jahrhunderts durchmessen. Auf einen ?jeunesse dorée? folgte eine abrupt abgebrochene Karriere als Fotografin, dann Emigration und Neustart als Kunsthändlerin an der Seite von Walter Feilchenfeldt. Ihre Lebenserinnerungen zeigen wovon der Kunsthandel auf höchstem Niveau lebt: von profunder Kenntnis was Kunst und Menschen betrifft und von guten Beziehungen.
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DÜSSELDORF. Sie war eine Pionierin in doppelter Hinsicht. Als eine der frühen Reportagefotografinnen gewann die Jüdin Marianne Breslauer (1909-2001) bis zum Berufsverbot durch die Nationalsozialisten der Streetfotografie eigene Perspektiven ab. An der Seite von Walter Feilchenfeldt wurde Marianne Feilchenfeldt Breslauer nach dem 2. Weltkrieg eine der bedeutenden Kunsthändlerinnen, die sowohl die besten Altmeisterzeichnungen wie die besten van Goghs oder Cézannes erwerben und weiterverkaufen konnte.

In ihren unprätentiös erzählten Lebenserinnerungen, ursprünglich ein Privatdruck, scheinen die goldenen zwanziger Jahre noch einmal auf: in einer unbeschwerten Berliner Jugend, in der die Tochter aus gutem Haus schon in jungen Jahren mit den führenden Literaten und Künstlern in Berührung kommt. Der Leser erfährt viel Zeittypisches und Amüsantes, u.a., dass drei Fahrschüler gleichzeitig Fahrstunde hatten.

Durch die Liebe zu ihrem späteren Ehemann Walter Feilchenfeldt, dem Geschäftsführer und Verleger der führenden Kunsthandlung Paul Cassirer in Berlin, erschließt sich der Fotografin, die bis zur Emigration bei Ullstein arbeitet, ein Kosmos aus Künstlern, Sammlern, Auktionatoren und anderen Kunsthändlern. Der Maler Max Beckmann etwa sei so gern ins "Haus Vaterland" gegangen, wo man die Damen per Tischtelefon zum Tanz aufforderte. "Er kam aus kleinen Verhältnissen und ließ sich vielleicht deshalb von all dem inszenierten Luxus beeindrucken." Ob die Versteigerungen im Auktionshaus Fischer in Luzern im Krieg oder antisemitische Urteile in bekannten deutschen Galerien, Feilchenfeldt gibt ohne Anklage Einblick in einen Beruf, in dem alles auf gute Verbindungen ankommt. Wer den Blick hinter den Vorhang in ein Geschäftsfeld sucht, das Diskretion groß schreibt, sollte zu Feilchenfeldts anschaulichen Erinnerungen greifen.


Marianne Feilchenfeldt Breslauer
Bilder meines Lebens
Nimbus Verlag
232 Seiten, 38 schwarz-weiß Aufnahmen
gebunden 26 Euro

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