Geschichte von Gier und Krieg
Der Ressourcen-Fluch der Menschheit

Der reißerische Titel "Schwarzbuch Öl" kommt daher wie eine Ladung Dynamit. Doch statt eines Enthüllungsbuchs bieten die Journalisten Thomas Seifert und Klaus Werner eine faktendichte und argumentative Geschichte über das Erdöl in der Weltpolitik.

HB KÖLN. Öl bestimmt unser Leben - eine Wahrheit für die Binse. Der Wohlstand des Westens hängt am Tropf des Öls, mehr denn je. Längst ist es aus der Rolle des wichtigsten Energieträgers herausgewachsen zum Grundstoff einer globalen "Life Science"-Industrie.

Die globalen Erdöl- und Erdgasreserven sind geographisch stark konzentriert in Entwicklungsländern, viele zudem geprägt von islamischer Kultur. Damit ist das Grundmuster eines klassischen geopolitischen Spannungsfelds gelegt. Der ideale Einstieg also für eine "Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld", wie der Untertitel des Buchs verspricht. Im Stil von Reportagen berichten die Autoren vom Beginn der Story, über die Geburt von "Blut und Öl am Golf", als Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein britischer Öl-Entrepreneur die ersten Ölressourcen in Persien entdeckte.

Das Tor zu Konflikten und Kriegen um das schwarze Gold in der Region am Persischen Golf war aufgestoßen. Von der Gründung der Anglo Oil Company-Persian (seit 1954 British Petroleum) über den Sturz des persischen Ministerpräsidenten Mossadegh mit Hilfe der CIA bis zur Invasion der Amerikaner im Irak 2003.

Die Autoren zeichnen ein effektvolles Bild der amerikanischen Geostrategie. Sie schreiben keine historisch-wissenschaftliche Studie - aber auch ein so seriöser Autor wie Günter Barudio schreibt in seiner Weltgeschichte des Erdöls ("Tränen des Teufels"), dass einige herausragende Politiker der USA wie Henry Kissinger, George Shultz, James Baker sowie Vater und Sohn Bush "aus dem Öl" in ihr Amt kamen.

Den nächsten Konfliktherd sehen Seifert und Werner am Kaspischen Meer entstehen. In Aserbaidschan etwa vergisst US-Präsident George W. Bush sein demokratisches Sendungsbewusstsein und übersieht, dass Präsident Ilham Alijew mit eiserner Hand regiert. Bushs russischer Amtskollege Wladimir Putin zeigt keine übermäßige Besorgnis, dass demokratische Ansätze in Russlands zentralasiatischem Hinterhof Schaden nehmen könnten. Offensichtlich will er die russischen Energie-Staatskonzerne als Mittel seiner Außenpolitik instrumentalisieren. Und am Horizont zeigt sich schon Chinas Durst nach Öl als das "Erwachen des Petrodrachen".

Die beiden Verfasser des "Schwarzbuchs Öl" treibt eine humanitäre Sorge. Am Erdöl - und auch am Erdgas - klebe ein "Ressourcen-Fluch", schreiben sie. Dieser Effekt bringe einigen Menschen neuen Luxus und allen anderen Elend. Dieser Fluch sei ein "Demokratie-Antiserum", ein Treibstoff für Umweltzerstörung, Diktaturen und Bürgerkriege. Aber die Autoren bieten keine Auswege aus der "Erdölfalle". Stattdessen wärmen sie Vorschläge aus dem Poesiealbum der Antiglobalisierungs-Romantiker auf, etwa die Idee eines globalen Marshall-Plans, der sich aus der Tobin-Steuer finanzieren soll.

Und im Schlussabschnitt blamieren sie sich sogar. Die "Regierungen der Industrieländer", schreiben sie dort, verträten (nur) die "Interessen von einigen Dutzend Großkonzernen". Diese Unternehmen werden in einem Anhang porträtiert. Dennoch: Trotz gelegentlicher Einseitigkeiten haben Seifert und Werner ein Buch abgeliefert, das man mit Gewinn lesen kann.

THOMAS SEIFERT/ KLAUS WERNER: Schwarzbuch Öl - Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld Deuticke Verlag, Wien 2005, 317 Seiten, 21,50 Euro

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