Geschmacklosigkeit oder Kultur?
Von Praunheim verteidigt Kanibalismus-Projekt

Das aktuelle Filmprojekt Rosa von Praunheims sorgt für Diskussionen. Für den Filmemacher ist das Thema „Kanibalismus" jedoch keine Geschmacklosigkeit, sondern ein Kulturgut.

HB BERLIN. Der Berliner Filmemacher Rosa von Praunheim hat sein geplantes Kannibalismus-Projekt mit dem Titel „Dein Herz in meinem Hirn“ gegen den Vorwurf der Geschmacklosigkeit oder Wichtigtuerei verteidigt. „Ich bin jemand, der ernsthaft versucht nachzuvollziehen, wie es zu so etwas kommt“, sagte Praunheim am Donnerstag der dpa. „Wenn man meine Filme kennt, dann weiß man natürlich auch, dass da sicher auch schwarzer Humor dabei ist.“

Es sei aber nicht nur der konkrete Fall des „Kannibalen von Rotenburg“, der eine Rolle bei seinem neuen Filmprojekt spiele. Er beschäftige sich seit 20 Jahren mit Kannibalismus: „Er gehört sozusagen auch zu unserer Kultur. Von der Frühzeit angefangen, wie zum Beispiel in der Religion oder bei Opferritualen - verbunden mit dem Glauben, sich von der Stärke oder Potenz der Feinde etwas einverleiben zu können.“ Das drücke sich zum Teil auch in unserer Sprache aus, „in der katholischen Religion, in der Kommunion und ähnlichem“, meinte der Filmemacher.

Auch lohne ein Blick auf die Kriminalstatistik der letzten 100 Jahre. „Und Verbrechen gehen uns alle an, darunter die Grenzüberschreitungen, die wir sonst nur in unseren Träumen erleben. Ich sehe das gar nicht moralisch. Als Filmemacher ist man neugierig auf das, was in der Welt passiert oder was alles möglich ist. Und man versucht, das irgendwie zu verstehen, auch die latenten geheimen Wünsche und Vorstellungen in uns allen.“

Juristisch lasse er sich bei seinem Projekt, das von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen gefördert wird, von einem Anwalt für Persönlichkeitsrechte beraten, der auch das Drehbuch begutachten werde. „Es ist ein Spielfilm, der nicht an den konkreten Fall von Rotenburg gebunden ist.“ Der Verteidiger des wegen Kannibalismus verurteilten Armin Meiwes hatte am Mittwoch angekündigt, gegen jede Verletzung der Persönlichkeitsrechte seines Mandanten juristisch vorzugehen. Bevor das Urteil nicht rechtskräftig sei, werde es keinerlei autorisierte Veröffentlichung zum Leben des „Kannibalen von Rotenburg“ geben.

Das Landgericht Kassel hatte ihn im Januar diesen Jahres für schuldig befunden, einen Berliner Ingenieur getötet und Teile von dessen Leiche gegessen zu haben. Der 61-jährige Praunheim wurde 1971 mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, später auch durch sein „Outing“ von prominenten Homosexuellen im Fernsehen. Zu seinen Filmen gehören „Berliner Bettwurst“, „Ich bin ein Antistar. Das skandalöse Leben der Evelyn Künneke“, „Ich bin meine eigene Frau“, „Unsere Leichen leben noch“ und „Horror vacui“.

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