Gesellschaft
Globalisierung kulturell: Keine Heimat - und keine Fremde mehr

Sehnsucht nach der Ferne und Heimweh in der Fremde sind seit Menschengedenken Teile des Lebensgefühls. Die kulturelle Globalisierung scheint den Menschen diesen bereichernden Dualismus zwischen Heimat und Fremde weitgehend genommen zu haben.

dpa HAMBURG. Sehnsucht nach der Ferne und Heimweh in der Fremde sind seit Menschengedenken Teile des Lebensgefühls. Die kulturelle Globalisierung scheint den Menschen diesen bereichernden Dualismus zwischen Heimat und Fremde weitgehend genommen zu haben.

Die Ferne hat gerade für die so reisefreudigen Deutschen viel von ihrem Reiz verloren. Der Reisende, der seinem Fernweh nachgibt, fühlt sich fast nirgends mehr richtig fremd, denn die Globalisierung hat eine neue Aller-Welts-Kultur geschaffen, wie Philosophen und Schriftsteller konstatieren.

„Die Globalität bringt keine neue Exotik durch multiethnischen Austausch - wie oft behauptet wird -, sondern löst am Ende das Exotische selbst auf. Statt tausend neuer Eindrücke ein Eindruck tausend Mal“, schreibt der Schriftsteller und Publizist Martin Hecht in der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift „Psychologie heute“ (Weinheim).

Alles das scheint hier und da bewirkt zu haben, was der Philosoph Michael Großheim (Universität Rostock) ein „Trendwunder zum beschränkten Eigenen“ genannt hat. Eine ausgeprägte Lokalisierungsbewegung sei zu beobachten. Dazu passe auch die Hinwendung zum „guten Alten“.

Im Editorial der Zeitschrift heißt es zu diesem Thema: „Plötzlich machen auch junge Leute Urlaub im Schwarzwald, die Globetrotter von einst fahren nach Rügen oder nach Thüringen, ganz Abgedrehte entdecken Görlitz oder den Hotzenwald“. Tatsächlich scheine eine Art Heimkehr in vollem Gange zu sein.

„Nur: Wohin kommen wir, wenn wir "daheim" sein wollen?. Die Orte, vor allem auch die Lebensformen, Institutionen und Traditionen, die im positiven Sinne einmal Fluchtpunkte für den überforderten Einzelnen waren, bieten heute keine Heimat mehr“, heißt es dort.

Martin Hecht, Autor des Buchs „Das Verschwinden der Heimat“ (Reclam Verlag) konstatiert: „Nur einer von vier Deutschen fühlt sich dort zu Hause, wo er lebt.“ Um einen Heimatort zu haben, brauche man dort einzigartige Erfahrungen, Düfte und Gerüche, einen typischen Geschmack und Stil, Klänge, Bilder und Gewohnheiten, Architektur, Designe, Formen, einen gemeinsamen Dialekt. Doch das Unverwechselbare verschwinde. Die Kultur eines bestimmten Ortes bringe immer weniger von diesem Charakteristischen hervor. Statt einer regionaltypischen Lebensart herrsche der Stil der Vereinheitlichung.

Aber der Autor hält die Haltlosigkeit nicht für unabwendbar. Er sieht die Chance, anstelle der alten Institutionen neue Wahlverwandtschaften zu gründen: Freundschaften. „Sie sind freiwillig und erlauben Vertrautheit, ja Geborgenheit ohne jeden Zwang. Wenn Freundschaft gelingt, gelingt beides: Bewahrung von Autonomie und Freiheit und gleichzeitig ein Leben mit anderen, die uns schützen, auf die Verlass ist und die verbindlich sind, die Nestwärme der alten Lebensform.“ Wenn mit Freundschaft auch nicht eine Kompensation oder Wiederherstellung von Heimat als Ort gelingen werde, so doch vielleicht die Kompensation von Heimat als Institution.

In der gleichen Ausgabe von „Psychologie heute“ erläutert der amerikanische Psychobiologe Jaak Panksepp (Northwestern University, Illinois), wie das tiefe Gefühl der Geborgenheit in den neuronalen Schaltkreisen des Gehirns entstehen kann. Heimatgefühl ist also auch eine Frage des Kopfes, wie die „affektive Neurowissenschaft“ zu zeigen scheint.

Unerwähnt bleibt in der Zeitschrift die Erfahrung von Auswanderern. Sie ist eine völlig andere als die von Reisenden. Kerstin E. Finkelstein beschreibt in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Ausgewandert. Wie Deutsche in aller Welt leben“ (Christoph Links Verlag), dass sie Dinge vermissen, die ihnen früher oft gar nicht als heimatlich bewusst waren. So etwa die Weihnachtsatmosphäre, zu der auch ein Teller frisch gebackener Plätzchen gehört. Vermisst wird sonst von vielen auch das richtige, herzhafte Schwarzbrot, das Griebenschmalz und das Marzipan oder die Verabredung auf ein Bier in der Kneipe um die Ecke.

Im Unterschied zu den vielen Touristen, die Deutsche im Ausland zu meiden pflegen, suchen Emigranten das Miteinander. Anders als Touristen haben sie mit vielem zu tun, was ihnen fremd und ungewohnt ist. Weltweit gibt es tausende Clubs und Vereine, in denen jederzeit deutsche „Gemütlichkeit“ und Landsleute zu finden sind. Finkelstein stellte auf ihren Reisen bei allen Unterschieden von Land zu Land jedoch eine Tendenz zu weniger intensivem Umgang mit Landsleuten fest, besonders bei Neuauswanderern. Das dürfte damit zusammenhängen, dass die Jüngeren die Vereinsprogramme oft allzu traditionell finden. Auch damit, dass die Auswanderung nicht mehr als so endgültig empfunden wird wie von früheren Emigrantengenerationen.

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