Giacometti-Austellung
Ausgezehrte Gestalten und die Revolution des Sehens

Alberto Giacomettis Bronzefiguren sind überlang und mager. Der Bildungsbürger kennt sie, weil sie ein Menschenbild der Verletzlichkeit transportieren. Der Zeitungsleser kennt sie, weil der "Schreitende I" im Februar für den Rekordpreis von 104,6 Mio. Dollar versteigert wurde. Das Kunstmuseum Wolfsburg ermöglicht jetzt eine Annäherung.
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WOLFSBURG. Seine Skulpturen sind Kunstfiguren von unerhörter Fragilität und Distanz. Alberto Giacometti (1901-1966) schuf mit seinen extrem dünnen Figuren, Menschen, die im Raum verloren sind, Menschen, an der Grenze der Auflösung. Diese Werke leben von der Paradoxie, dass die höchste Vollendung eines Kunstwerks durch Weglassen erreicht wird. Der Bildhauer und Maler Alberto Giacometti war diesem radikalen Programm in seinem Spätwerk von 1940 bis zum Todesjahr 1966 verpflichtet.

Verletzliche Menschen

Dass seine Kunst heute Kultstatus genießt, ist der Erkenntnis geschuldet, dass sie das Sehen revolutioniert und das Menschenbild in ein Stadium der Immaterialität überführt hat, die nicht frei von Verletzlichkeit ist. Unvollkommenheit ist hier Gesetz. Nach eigener Aussage war es dem Künstler nicht möglich, die Figur als Ganzes zu erfassen: "Je mehr man insistiert, desto mehr verschwinden die Details".

Raumtheater in weiß

Nach Duisburg und Zürich versucht nun die Autostadt Wolfsburg dem Magier gerecht zu werden. Für die Ausstellung im Kunstmuseum kommen die meisten Leihgaben (wie schon in Duisburg) aus dem Besitz der Pariser Fondation Giacometti. Sie hat den Titel "Ursprung des Raumes" und geht von der These des Künstlers aus, dass die Plastik im Leeren ruht und das Objekt selbst den Raum schafft, "der zwischen dem Subjekt und dem Bildhauer liegt". Visualisiert wird das mit einem Parcours, in dem es Kompartimente mit Bild und Skulptur und einzelne Sakralräume gibt, deren gleißendes Weiß die zum Teil winzigen Skulpturen geradezu erstickt. Den Höhepunkt dieser Inszenierung erreicht die Schau mit dem nur 8,4 cm großen "Mann auf Sockel" von 1941, der wie ein Trugbild im weiten Weißnebel schwimmt. Jenseits dieses Raumtheaters zeigt die bodenständige Parade der Stehfiguren, dass die allseitige Betrachtung der Skulpturen wichtiger ist als ihre weihevolle Überhöhung.

Bild der Isolation

Unabhängig davon geben die 60 Skulpturen und 30 Gemälde dieser Schau einen guten Überblick über das sogenannte reife Werk des Künstlers, der nach einer spätkubistischen und surrealistischen Periode seinen Weg als Bildhauer hoch ragender Figuren, der noch in der Bewegtheit den Ausdruck der Ruhe und räumlicher Distanz sucht. Paradebeispiele sind "Der schreitende Mann" von 1960 und die zehn Jahre früher entstandene "Figurine in einer Schachtel zwischen zwei Schachteln, die Häuser sind". Die rahmende Box verstärkt hier noch den Eindruck stationärer Vereinzelung - so wie ja letztlich alle Werke Giacomettis in dieser vom Existentialismus geprägten Ära die Isolation des Menschen in Zeit und Raum beschwören.

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