Glas-Malerei
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Der Unternehmer Claus Hipp ist mit Kinderkost Marktführer. Unbekannter, aber ähnlich erfolgreich ist er als Maler. Einfälle im Atelier nutzen der Kreativität im Büro.

PFAFFENHOFEN. Noch steht das Werk wohl verschnürt beim Unternehmer im oberbayerischen Pfaffenhofen. Im Sommer soll es nach Berlin transportiert und an prominenter Stelle, im Haus der Deutschen Wirtschaft, feierlich enthüllt werden: ein fünf mal acht Meter großes Gemälde, geschaffen von dem nur in Fachkreisen bekannten zeitgenössischen Künstler Nikolaus Hipp. Der ist ansonsten einer breiten Bevölkerung unter seinem verkürzten Vornamen "Claus" vertraut als Produzent jener Babykost, für deren Güte er mit Eigenbild im Fernsehen wirbt und dem Qualitäts-Versprechen: "Dafür stehe ich mit meinem Namen."

Ob Hipp, der in seiner Branche mit Brei im Glas einen stolzen Marktanteil von über 60 Prozent hält und offenkundig das Wohlwollen der Konsumenten genießt, auch mit seinem künstlerischen Monumental-Epos auf uneingeschränkte Zustimmung treffen wird, muss erst noch abgewartet werden. Denn der Maler zielt kaum auf den ganz breiten Geschmack, da er auf die Leinwand Abstraktes pinselt. Nikolaus, der Künstler, will anders als Claus, der Unternehmer, keine Botschaft vermarkten und hält es mit Maler-Kollegen Paul Klee: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar." Oder wie es Hipp – nicht ganz so kunsttheoretisch gehoben – am bekannten deutschen Wandschmuck exemplifiziert: "Ein röhrender Hirsch röhrt im Bild von morgens bis abends. Aber vielleicht ist dem Betrachter gar nicht den ganzen Tag danach zu Mute. Bei einem gegenstandslosen Bild dagegen kann der Betrachter immer wieder verschiedene Stimmungen suchen und das Bild anders interpretieren." So als wäre es ein zweites zum selben Preis.

Diese Sichtweise hat denn auch etwas äußerst Praktisches. Wie Hipp, der Künstler, seinem Alter Ego, dem Unternehmer, sowieso viel näher ist, als auf scharfe analytische Trennungen bedachte Ökonomen oder auch Kulturwissenschaftler es sich je träumen ließen. Was US-Management-Gurus als "Life-Work-Balance" predigen und jungdeutsche Nadelstreifenträger wie immer nachbeten, ist für das gestandene Mannsbild aus einer noch immer ländlich geprägten Umwelt selbstverständliche Lebenswirklichkeit: das Miteinander von Arbeit und Ausspannen. In Hipps schlichten Worten: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir brauchen einen Ausgleich zur Pflicht. Wer nicht genießen kann, hat nichts verstanden."

So zieht sich Hipp aus dem Büro auf dem Werksgelände so oft wie möglich früh am Abend in sein Atelier zurück. Das hat er sich in einem alten Forsthaus in der Nähe der Firma eingerichtet. Es ist eine ländliche Idylle. Hinter dem Gartenzaun grasen ein paar Ziegen, Holz ist gestapelt, die Schuhe lassen sich an einem altertümlichen Putzgerät säubern, ehe der Gast das Innere des Hippschen Refugiums betritt. Es ist voll gepfropft mit Leinwänden und Keilrahmen, Hunderten von Tuben und Pinseln. Es riecht nach Farben und duftet nach Bienenwachs - denn Hipp ist auch Kerzenzieher. Und etliche Notenbögen weisen darauf hin, dass er ebenfalls gerne musiziert. Auf der Oboe und dem Englischhorn. Hier kann er ungestört üben für das Spielen im Orchester. In dem sich der Unternehmer, der sonst das Sagen hat, einem Dirigenten unterordnen muss.

"Beim Malen aber kann ich tun, was ich will", sagt Hipp. Jedoch nicht planlos – sondern in wohl durchdachter Arbeit, in der Pinselstrich für Pinselstrich auf der Leinwand eine Idee verwirklicht wird, die zuvor im Kopf gereift ist. Vorsichtig geht Hipp zu Werk. Erst muss – davon ist der Maler überzeugt - die Form sich gefestigt haben, dann kann die Farbe eingesetzt werden: "Ich fange mit zurückhaltenden Tönen sehr flächig an und steigere dann die Farbkraft im Detail weiter." Ja-nein-Entscheidungen sind – auch im Atelier – zu treffen: "Wenn ich auf der Leinwand etwas übermalen muss, dann habe ich vorher einen Fehler gemacht, weil ich nicht in Ruhe nachgedacht habe."

Rahmenbedingungen im wahren Wortsinn hat auch der Künstler einzuhalten: "Räumliche Verhältnisse und Farbwirkungen muss man beachten - oder sie aber auch mal gezielt missachten." Das kann neue Perspektiven öffnen. Denn Hipp ist überzeugt, dass "in der gegenständlichen Kunst sicher alles gesagt ist, was man sagen kann. In der gegenstandslosen Kunst aber gibt es noch genügend Freiräume zu entdecken." Was mühelos auf die Welt des Unternehmers Hipp zu übertragen ist. Auf neue Märkte wie vor allem in Osteuropa oder neue Produktlinien wie die Babysanft-Pflegemittel des mittelständischen Multis.

Hipp sagt nicht, ihm fiele heute beim Malen ein, was er morgen in den Labors ausprobieren lasse - aber er ist sich sicher, dass ihm die Kreativität an der Staffelei auch zur Inspiration im Büro verhilft. Denn allemal werde das Auge geschärft und auch jener Teil des Gehirns trainiert, der am Schreibtisch weniger gefordert wird. Die Kreativitätslehre des malenden Unternehmers lässt sich logisch begründen: der Spezialist, der verbissen seinen Job macht, kann sich leicht verrennen. Wer dagegen breiter gebildet ist, findet schneller einen neuen Weg. Wissen lässt sich speichern und schnell abrufen. Aber "Haupt, Hand und Herz" sollen gleichermaßen zu ihrem Recht kommen. Da hält es Hipp mit dem Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi, der für den Einklang von Denken, handwerklicher Geschicklichkeit und sozialer Verantwortung warb.

Als Generalist kann sich Hipp allemal fühlen: ob er in Pfaffenhofen einen Betrieb mit 1 000 Beschäftigten und 300 Millionen Euro Umsatz führt, in einem Orchester in München spielt oder als Akademie-Professor im fernen Tiflis georgischen Kunststudenten den Umgang mit Leinwand und Pinsel, Bildhauermeißel oder Lithographen-Stichel näher bringt. Zu dieser Berufung ist er letztlich durch einen georgischen Freund im Orchester gekommen, der ihn zu einer Ausstellung in der Kaukasus-Republik ermuntert hatte.

Der Vielseitige, dessen Werke in New York, Paris und Kiew erfolgreich ausgestellt worden sind, weiß indes auch sein Mehrfach-Talent zu relativieren.

"Ich muss Gott sein Dank nicht vom Malen leben und meine Familie ernähren." Sagt der Ökonom. Und der Künstler: "Wenn die Kunst das einzige berufliche Standbein ist, ist die Gefahr sehr groß, sich am Markt zu orientieren und gefällig zu werden."

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