Kultur + Kunstmarkt
Glaubenskrieg um die Orthografie geht weiter

dpa HAMBURG/MÜNCHEN. Es ist wie ein Glaubenskrieg. Seit Springer, „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) sich von der reformierten Rechtschreibung losgesagt haben, versinken die Redaktionen der „Rebellen“-Verlage in einer Flut aus Leserbriefen und E-Mails. Besonders bei der „SZ“ liefern sich die Leser eine erbitterte Kontroverse.

„Es geht um Kultur, Geschichte und Gesetz. Und um die Sorge um das Wohl der Schüler“, analysiert die „SZ“ in einer ersten Bilanz zu ihren Leserreaktionen. Noch nie habe ein Thema mehr Leser in die Nutzerforen getrieben. Beileidsbekundungen zur „orthografischen Rolle rückwärts“ wechseln ab mit hoffnungsvollen Prognosen im Stile von „Die Vernunft kehrt nach Deutschland zurück“. Das Thema rührt viele Leser offensichtlich mehr als die Debatte um Hartz IV, Lafontaines Comeback oder der Sudan-Konflikt. Sie drohen etwa der „SZ“ damit, ihr Abonnement abzubestellen. Oder versprechen lebenslänglich zu verlängern - je nach Ausgang der Debatte. Die Zeitung widmete dem Thema am Mittwoch zum zweiten Mal die ganze Leserbriefseite.

Auch im Online-Forum des „Spiegels“ gibt es nicht nur Zustimmung zur orthografischen Wende des Magazins. Da heißt es etwa: „Den "Spiegel" mit alter Rechtschreibung tue ich mir nicht mehr an.“ Oder: „Ich brauche nicht die formale Absegnung von Herrn Aust oder der KMK, dass mein Schriftdeutsch korrekt ist...“

Mit Erklärungen in eigener Sache versuchen nicht nur die „SZ“, sonder auch Springer-Zeitungen, den Befürchtungen vieler Leser die Spitze zu nehmen. So heißt es in der „SZ“ vom Mittwoch, die Zeitung strebe „eine Regelung an, die vernünftige Neuerungen - etwa die ß- und ss-Schreibweise - übernimmt, es andererseits aber bei wesentlichen Teilen der alten Rechtschreibung belässt“. Der Chefredakteur des bei Axel Springer erscheinenden „Hamburger Abendblatts“, Menso Heyl, schrieb seinen Lesern am Dienstag, man werde sich „Rechtschreibneuerungen, die dann von einer großen Mehrheit befürwortet werden, nicht verweigern wollen“.

Die Berliner „tageszeitung“ (taz) hat indes einen „konstruktiven Beitrag“ angekündigt: Die Zeitung werde an diesem Donnerstag komplett in Kleinschreibung erscheinen, teilte die Redaktion mit. Groß geschrieben werden nur der Satzanfang und Eigennamen. „Diese sanfte Vereinfachung ist weltweit bewährt und kann auch uns Deutschen die Konzentration auf das Wesentliche erleichtern: die Inhalte“, erklärte der stellvertretende Chefredakteur Peter Unfried. Die „taz“ ermuntere speziell die Verlage, die die Rückkehr zur alten Rechtschreibung angekündigt oder bereits vollzogen haben, diesem Beispiel zu folgen.

Selbst in Zeitungen, die sich in der aktuellen Debatte nicht selbst engagiert haben, schlagen die Wellen hoch. So verzeichnet die „Hamburger Morgenpost“ am Mittwoch die neue Entwicklung zwar nur in einer siebenzeiligen Meldung, doch auf der Seite gegenüber wird eine ganze Spalte mit Leserbriefen gedruckt - ausschließlich zum Thema Rechtschreibung. Die „Schweriner Volkszeitung“ berichtet ganzseitig über eine eigene Telefonaktion bei ihren Lesern - mit dem Ergebnis, dass 75 % der etwa 2000 Anrufer die Rückkehr zur alten Rechtschreibung befürworten.

„Wieso die Aufregung?“, fragt dagegen ein Leser in der „Augsburger Allgemeinen“. „Soll doch jeder schreiben, wie er meint, ein bisschen Anarchie kann gewiss nicht schaden!“, meint ein anderer in der „Passauer Neuen Presse“. Eindeutig Position gegen die Rücknahme der Reform bezieht die große Mehrheit der Schüler, für die die neue Rechtschreibung am 1. August 1998 eingeführt wurde. Eine Sechstklässlerin aus Ingolstadt schreibt im „Donaukurier“: „Ich hab in der Schule nur die neue Rechtschreibung gelernt und überhaupt keine Schwierigkeiten damit gehabt.“

Überhaupt hat die jüngere Generation, die sich in SMS und E-Mail ohnehin über Rechtschreibregeln hinwegsetzt, nach Meinung einer Leserin der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ dies begriffen: „Wichtig ist nicht die Form des Schriftstückes, sondern der Inhalt.“

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