Goethes 175. Todesjahr
Keiner stellt Fragen, Goethe antwortet

Goethes Antworten auf aktuelle Fragen. Die Zitate-Sammlung "Leser fragen - Goethe antwortet" von Herausgeber Manfred Wolf zeigt, dass Goethe auch 175 Jahre nach seinem Tod nichts an Aktualität verloren hat. Doch die Vertonung des Buchs im Eichborn Verlag war keine gute Idee.
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LEIPZIG. "Trau keinem Zitat, dass Du nicht selbst aus dem Zusammenhang gerissen hast." Dies soll Johannes Rau einmal gesagt haben. Zitate sind beliebt. Sie sollen eine dröge Rede etwas farbenfroher machen oder langatmigen Ausführungen Esprit verleihen. Wenn einem Journalisten nichts Besseres einfällt, dann sucht er für den Beginn seines Artikels einfach ein Zitat.

Manfred Wolf hat im Eichborn Verlag eine Zitate-Sammlung herausgegeben. Es geht darin um Themen wie Mann und Frau, Trinken, Deutschland oder Passivrauchen. Das Besondere an den Zitaten: Sie stammen alle von Goethe und sind damit bis zu 200 Jahre alt. "Leser fragen - Goethe antwortet" heißt das Buch. "Klassische Lebenshilfe von Herrn G." verspricht es.

Der Titel "Leser fragen - Goethe antwortet" ist irreführend. Die Fragen des Buchs sind vorgegeben, wirklich fragen kann der Leser naturgemäß nichts. Immerhin ermöglicht ein Stichwortverzeichnis gezielt nur die Zitate zu einem gewünschten Thema zu lesen. Etwa zum Thema "Bier". "Ein starkes Bier, beizender Toback und eine Magd im Putz, das ist nun mein Geschmack", wird dort aus Faust I zitiert. Ob Goethe selbst das so sah? Vielleicht. Das Zitat wird Goethe zwar in den Mund gelegt, in Faust I lässt er es jedoch eine Figur des Stücks, einen Schüler, sagen. "Leser fragen - Goethe antwortet" ist eine kühne Versprechung, die das Buch nicht wirklich halten kann.

Leser, die auf der Suche nach einem passenden, geistreichen Zitat sind, kommen trotzdem auf ihre Kosten. Sie können die Rede zur nächsten Hochzeitsfeier mit einer Prise Goethe würzen: "Eine Ehe sollte nur alsdann für unauflöslich gehalten werden, wenn entweder beide Teile oder wenigstens der eine Teil zum dritten Mal verheiratet wäre" (aus: Die Wahlverwandtschaften). Oder den Warnhinweis auf ihrer Zigarettenschachtel mit einem Goethe Zitat überkleben: "Das Rauchen macht dumm; es macht unfähig zum Denken und Dichten" (aus: Zu K. L. Knebel, 1806).

Das Buch von vorne bis hinten durchzulesen ist jedoch mühsam. Umso erstaunlicher, dass "Leser fragen - Goethe antwortet" auch als Hörbuch erschienen ist. Linus Koenig und Dirk Pettenkofer sprechen Auszüge aus der Frage-Antwort-Sammlung und erfüllen Fragesteller und Goethe mit Leben. Doch der Hörgenuss ist eingeschränkt: Nach jeder Antwort Goethes folgt die gesprochene Quellenangabe. Der Leser des Buchs kann diese überspringen, der Hörer hat keine Wahl. Spätestens beim zehnten "Aus: Maximen und Reflexionen" schaltet er innerlich ab. Wenigstens die Umschlaggestaltung von Moni Port ist bei Buch und Hörbuch gleichermaßen gut gelungen.


EXTRA: Hören Sie die ersten und letzten Worte aus "Leser fragen, Goethe antwortet"



EXTRA: Interview mit den Sprechern von "Leser fragen, Goethe antwortet"


MANFRED WOLF
Leser fragen - Goethe antwortet
Eichborn

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