Götz Werner
Das Grundeinkommen für alle

Götz Werner, Gründer und Chef der Drogeriemarktkette dm, fordert in seinem Buch "Einkommen für alle" ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Bürger und die Abschaffung aller Steuern - bis auf die Konsumsteuer. Das Einkommen sei ein Bürgerrecht und gehöre ins Grundgesetz

LEIPZIG. "Wenn ich sagen würde, jeder soll das Kleidungsstück ablegen, das nicht in Deutschland produziert ist, dann hätten wir ganz schnell eine Nacktveranstaltung", sagt Götz W. Werner in seinem pfälzischen Dialekt, während er auf dem Blauen Sofa der Leipziger Buchmesse sein Buch "Einkomen für alle" vorstellt. Das Publikum lacht. Sein Beispiel soll zeigen, wie wenig von unseren Konsumgütern tatsächlich noch "Made in Germany" sind. Erfolgreich - die meisten seiner Zuschauer nicken bejahend, als ob ihnen das erst durch Werner richtig klar geworden wäre.

Und wer ist schuld daran, dass viele deutsche Unternehmen heute in Billiglohnländern produzieren, während die Arbeitslosigkeit in Deutschland weiter steigt? Werners Antwort: "Der Staat, der die Arbeit mit Steuern verteuert." Die Konsequenz bekommt schließlich der Bürger durch die hohe Arbeitslosigkeit im Land zu spüren.

Doch der Gründer der Drogeriemarktkette dm hat eine Vision, die alles verändern soll. Er fordert die Abschaffung aller Steuern bis auf die Konsumsteuer und ein Grundeinkommen für jeden Bürger - auch Millionäre. Schließlich sei ein Steuerfreibetrag auch ein Grundeinkommen, da ändere sich daher nichts.

Jetzt lehnt er ganz entspannt an einem Stehtisch in einem der Messerestaurants zwischen Halle drei und fünf. Er trägt einen grauen Anzug, um den Hals eine orangefarbene Krawatte. Auf die Frage, wie hoch das "bedingungslose Grundeinkommen" sein sollte, erklärt er: "Zwischen 600 und 1500 Euro pro Monat. Es müsste so hoch sein, dass man bescheiden, aber menschenwürdig leben kann." Und: "Der Mensch muss sich aber auch eine Tageszeitung abonnieren und ins Theater oder Kino gehen können." Das nennt er das "Kulturminimum". "Einkommen ist ein Bürgerrecht", und das gehöre ins Grundgesetz, fordert er deshalb. Finanziert werden soll das Modell des bedingungslosen Einkommens über die Konsumsteuer. "Wir dürfen nicht mehr die Arbeit versteuern und dadurch verteuern, sondern das Ergebnis der Arbeit, den Konsum", sagt Werner. "Revolutionär gedacht: Wenn es nur die Konsumsteuer gebe, müsste diese so hoch sein wie unsere Staatsquote, also etwa 50 Prozent." Innerhalb der nächsten Jahre könne man beispielsweise die Konsumsteuer alle sechs Monate um ein Prozent anheben und gleichzeitig die anderen Steuern verschwinden lassen. In zehn Jahren würde die Mehrwertsteuer dann bei 39 Prozent liegen.

Skandalös findet er den Umgang mit Hartz-IV-Empfängern. Sie würden zum Teil ihrer Grundrechte beraubt. "Hartz IV nähert sich dem offenen Strafvollzug an", sagt der dm-Chef. Denn die Arbeitslosen könnten nicht mehr machen, was sie wollen: ihnen werde Arbeit zugewiesen. Das wäre fast wie Zwangsarbeit.

Doch was wäre, wenn jeder Deutscher plötzlich ein bedingungsloses Grundeinkommen bekäme? Würde dann überhaupt noch jemand arbeiten? "Ja", sagt Werner und erklärt: "Der Mensch braucht die Arbeit. Er will sich in die Gesellschaft einbringen." Ob er nicht damit rechne, dass es auch andere gebe, die das Grundeinkommen für sich ausnutzen würden, um nichts mehr zu machen und auf der Couch zu sitzen? "Nein, wenn man den Hartz-IV-Empfängen das Geld ohne Bedingungen geben würde, würden die alle arbeiten", sagt Werner voller Überzeugung. "Warum arbeiten die Hartz IV-Empfänger denn schwarz? Doch nicht, weil sie nicht arbeiten wollen", argumentiert er. Das sei eine Frage des Menschenbildes.

Das bedingungslose Grundeinkommen befreie die Menschen davon, einen Job nur wegen des Geldes machen zu müssen. "Die Ethik des Grundeinkommens lautet kurz und bündig: Du bekommst ein Grundeinkommen und hast damit die Möglichkeit, ja die Bringschuld, deine Talente in der Gesellschaft wirksam werden zu lassen. Zeig, was du kannst!", schreibt der Unternehmer in seinem Buch. Doch wer macht dann noch die unattraktiven, körperlich anstrengenden Arbeiten? Diese müssten durch einen entsprechend höheren Verdienst attraktiver gemacht oder durch den Einsatz moderner Technik automatisiert werden, so Werner. Fraglich ist dann nur, was aus den Berufen wird, die sich großer Beliebtheit erfreuen?

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