Grass-Bekenntnis
Gnade für den Ehrenbürger

Nachdem das späte Geständnis Günter Grass' über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS in Deutschland etwas zwischen Unverständnis und Respekt ausgelöst hat, gibt es in Danzig, der Geburtsstadt des Nobelpreisträgers, mehr Verständnis für sein Bekenntnis. Die Menschen der polnischen Hafenstadt stellen sich mehrheitlich hinter Grass.

DANZIG. Danzigs Stadtpräsident kann die ganze polnische Empörung über die SS-Mitgliedschaft des deutschen Schriftstellers Günter Grass nicht verstehen. „72 Prozent der Danziger sind dagegen, Grass die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen“, präsentiert Pawel Adamowicz stolz im historischen Rathaus von Danzig eine brandneue Umfrage. 53 Prozent der Bürger seien auch dagegen, dass der in Danzig geborene Grass selbst auf diesen Titel verzichte, fügt er hinzu. „Natürlich ist es sehr schade, dass er sich so spät zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannt hat“, räumt Adamowicz ein. Aber das ändere nichts an der Qualität seiner Literatur und seinen Verdiensten für die deutsch-polnische Aussöhnung. Schließlich hat der Stadtpräsident mit dafür gesorgt, dass Grass 1993 die Ehrenbürgerwürde erhielt.

Auch Arbeiterführer Lech Walesa, seit frühester Jugend Bürger Danzigs, gibt sich heute versöhnlicher: „Ich bewundere seinen Mut, dass er sich so spät dazu bekannt hat“, sagt Walesa im lokalen Danziger Fernsehen. Aber nach wie vor erwarte er eine erklärende Geste von Grass. „Wenn er das tut, werden wir ihm vergeben“, verspricht Walesa, selbst Ehrenbürger der Stadt. Anfangs hatte er kategorisch darauf bestanden, dass Grass auf seine Ehrenbürgerschaft aufgibt „Ich werde auf meine verzichten, sollte sich herausstellen, dass Grass das Bekenntnis zur Waffen-SS nur als Marketing für sein neues Buch abgelegt hat, “ warnt Walesa weiterhin.

Günter Grass: Bilder eines Schriftstellerlebens

„Die Bürger Danzigs sind offenbar erwachsener als die Politiker der in Warschau regierenden Partei „Recht und Gerechtigkeit (PiS)“, meint Adamowicz nach der Umfrage. Die PiS nutze das Bekenntnis von Grass für den innenpolitischen Kampf. So ließ sich der Danziger PiS-Politiker Jacek Kurski dazu hinreißen, Adamowicz vorzuwerfen, ein neues europäisches Geschichtsbewusstsein zu propagieren: „Danach sind die Deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs. Und die Polen als Verantwortliche des Holocausts geben den Mördern der Waffen-SS die Ehrenbürgerschaft.“

Derartige Emotionen haben für den Danziger Schriftsteller Stefan Chwin Tradition. „Alte Ängste vor den Deutschen äußern sich gerade dadurch, dass innenpolitische Gegner als germanofil denunziert werden, um ihnen dadurch möglicherweise zu schaden“, meint Chwin. Aber die Umfrage zeige, dass die Literatur von Grass und seine Sympathie für Polen für die Mehrheit der Danziger Bürger wichtiger seien. Tatsächlich werden die ins Polnische übersetzten Bücher von Grass in Danzig viel gelesen – besonders die „Blechtrommel“, die sich mit der deutsch-polnischen Geschichte der Stadt beschäftigt. Der Danziger Schriftsteller Pawel Hülle geht sogar so weit: „Grass hat uns gezeigt, wer wir sind.“

Im Geburtshaus von Grass im Stadtteil Wrzeszcz, früher Langfuhr, herrscht Aufregung. Am liebsten würde Anna Jurczuk, die seit den fünfziger Jahren in der früheren Wohnung der Familie Grass lebt, die Tür nicht öffnen, weil sie Journalisten und deutsche Touristen fürchtet. Frau Jurzuk spricht von einem Kesseltreiben gegen Grass. „Was für ein SS-Mann, was für ein Mörder soll er gewesen sein, der als fünfzehnjähriger Lausbub in der Waffen-SS landete“, sagt sie. Später habe er vieles für Danzig, Polen und die deutsch-polnischen Beziehungen getan. Sie kennt Grass seit 1958, als er zum ersten Mal wieder nach Danzig kam, um für die „Blechtrommel“ zu recherchieren.

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