Grass über seine SS-Vergangenheit
„Ich habe das immer als Makel empfunden“

Die Nachricht, dass Günter Grass in den letzten Kriegsmonaten zur Waffen-SS einberufen wurde, hat am Wochenende erheblichen Wirbel ausgelöst. Ausgerechnet der „linke“ Grass, der als moralisches Gewissen gern Zunge zeigt, wagt erst 60 Jahren nach den Ereignissen, zu seiner eigenen Vergangenheit zu stehen.

HB HAMBURG. Stets hatte Grass sich politisch für die Aussöhnung mit den einstigen Kriegsgegnern Polen und Russland wie kaum ein anderer engagiert, sich für verfolgte Autoren in aller Welt eingesetzt und immer wieder eine tabufreie Aufarbeitung der NS-Vergangenheit eingefordert und selber zum Thema gemacht.

In der Kürze mancher Schlagzeilen wurde eine „Enthüllung nach 60 Jahren“ gemeldet, oder es hieß, Grass habe die Mitgliedschaft in der verbrecherischen Organisation „zugegeben“, als wäre der Schriftsteller überführt worden. Tatsache ist, dass Grass in seiner Anfang September erscheinenden Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ seine bisher nicht bekannte Mitgliedschaft bei der Waffen-SS thematisiert. Er outet sich selbst und geht dabei mit dem damaligen Jugendlichen namens Günter Grass scharf ins Gericht.

Das 500 Seiten dicke Buch behandelt die Zeit vom Kriegsausbruch am 1. September 1939 bis zum Erscheinen von Grass' Welt-Bestseller „Die Blechtrommel (1959), für den Grass 1999 den Nobelpreis erhielt. Elf Kapitel hat das Buch, die ersten vier erzählen die Zeit vom Kriegsausbruch bis zum Kriegsende. Im vierten Kapitel - es umfasst etwa 60 Seiten - schildert Grass seine Einberufung, die von Schikanen begleitete Ausbildung bei der Waffen-SS, seine Kriegserlebnisse und seine Todesangst, die ihn im Schlaf noch Jahre später verfolgen wird.

Warum hat Grass erst jetzt seine kurze Zeit bei der Waffen-SS öffentlich gemacht? „Ich habe das, im Rückblick, immer als einen Makel empfunden, der mich bedrückt hat und über den ich nicht sprechen konnte. Das musste mal geschrieben werden“, sagte Grass der dpa. Und so schreibt er offen, dass er sich, als Kind und Jugendlicher in der NS-Zeit aufgewachsen, damals hat ideologisch verführen lassen.

Rezensionen dürfen vor dem Erscheinen des Buches nicht publiziert werden, doch Fakten: Als 15-Jähriger meldet sich Grass freiwillig zur U-Boot-Waffe oder als Alternative zu den Panzern, er wird aber nicht genommen, er ist zu jung. Im September 1944 - er ist da noch 16 - erhält er die Einberufung, „der Jahrgang 1927 war dran“, wie Grass sagt. Statt zur Wehrmacht wird er zur Waffen-SS einberufen, die im letzten Kriegsjahr nicht mehr nur Freiwillige nahm, sondern sich allgemein an einem Jahrgang bediente. Grass kommt in die böhmischen Wälder in ein Ausbildungslager, wird wie die anderen Rekruten schikaniert und täuscht eine Gelbsucht vor, um ins Krankenlager zu kommen. Ende Februar 1945, „bei Vollmond und in klirrender Kälte“, die Vereidigung.

In den etwa sieben Wochen von Anfang März bis zu seiner Verwundung am 20. April 1945 wird der 17-Jährige offiziell der sich offenbar in Auflösung befindlichen Division Frundsberg zugeordnet. Seine größte Angst: Als Versprengter ohne Marschbefehl von deutschen Feldgendarmen aufgegriffen und gehängt zu werden wie jene Rekruten oder Offiziere, die an Chausseebäumen hingen mit Schildern vor dem Bauch wie „Ich bin eine Feigling“ oder „Vaterlandsverräter“. Zwei Mal gerät er hinter die russische Front und überlebt nur mit Glück. Er selbst habe keinen Schuss mit seiner Waffe abgegeben und sei auch an keinen Verbrechen beteiligt gewesen, sagte Grass der dpa.

Die Schlagzeilen zur Waffen-SS-Mitgliedschaft können auch als Beispiel für ein in diesem Fall wenig geglücktes Buch-Marketing herhalten, meinen Branchenkenner. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) machte den Fakt zum Aufmacher noch vor dem Libanon- Krieg und den gescheiterten Terroranschlägen. Grass hatte der renommierten Zeitung ein langes Interview gegeben, am nächsten Samstag druckt die FAZ eine achtseitige Sonderausgabe mit Textpassagen und Lithographien von Grass dazu. Interessierte Leser müssen sich noch bis Anfang September gedulden, ehe sie das Buch kaufen können - es sei denn, der Steidl Verlag zieht den Verkaufsbeginn jetzt vor.

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