Grass und die große Koalition
Der letzte Ideologe

Mit seine Enthüllung, Mitglied bei der Waffen-SS gewesen zu sein, hat Günter Grass die Politik aufgewühlt. Als politischer Schrifsteller ist der Nobelpreistträger in der großen Koalition ein kontroverses Thema. Die alten Diskussionen aus vergangenen Tagen entfachen wieder neu.

BERLIN. Parteien haben verschiedene Möglichkeiten, Personen zu ehren, die sich um sie verdient gemacht haben. Mal werden Ehrenmitgliedschaften vergeben, mal gibt es Gedenknadeln oder Besuche des Vorsitzenden. Günter Grass dagegen hat im Streit um seine SS-Vergangenheit von "seiner" früheren Partei etwas anderes bekommen, etwas, was er zurzeit am meisten braucht - Schonung.

Tatsächlich ist auffällig, wie unterschiedlich auch im Zeitalter der großen Koalition die Reaktion auf die seltsamen Grass?schen Selbstbekenntnisse seiner SS-Angehörigkeit ausfällt. Grund dafür ist vor allem, dass Grass einer der letzten Vertreter der alten Garde der Nachkriegs-Ideologen ist. Er war eben nicht nur nobelpreiswürdiger Literat, sondern auch politischer Aktivist für die SPD. Für mehrere sozialdemokratische Kanzler wie Willy Brandt und Gerhard Schröder hat er öffentlich Werbung gemacht. Noch im Wahlkampf 2005 scharte der Polit-Aktivist junge Autoren um sich, um mit ihnen gemeinsam für Schröder zu trommeln.

Grass gehörte in Bonn auf sozialdemokratischer Seite lange zum typischen Klüngel, der sich um die Parteien scharte. Er war Paradebeispiel jener Publizisten, die stets und lautstark "Partei" waren. Das änderte sich auch nicht, nachdem er im Jahr 1992 aus Protest gegen die SPD-Zustimmung zum damaligen Asylkompromiss die SPD verließ. Die einsetzende Entideologisierung in der deutschen Politik ließ Grass aber schon vor seiner jetzigen Selbstenttarnung als zunehmend unzeitgemäß erscheinen. In der Berliner Republik 2006 ist der Typus des schreibenden Politaktivisten kaum noch gefragt.

Dass die öffentliche Kritik nun vor allem aus der Union kommt, ist deshalb aber wenig überraschend. So wie er im linken politischen Lager lange Zeit als moralische Instanz galt, war er für Christdemokraten ein rotes Tuch. Vor allem die Älteren in der Union empörte, wie polemisch er die Regierung Kohl unter publizistisches Feuer nahm. Gekränkt fühlte man sich auch durch den Vorwurf des "katholischen Miefs" unter der CDU-Leitfigur Konrad Adenauer. Geärgert hat viele Christdemokraten zudem der Grass?sche Dauervorwurf, deutsche Konservative seien grundsätzlich anfällig für rechtsradikales Gedankengut.

Ausgerechnet in der Bewertung der eigentlichen Neuigkeit - der SS-Vergangenheit von Grass - bleibt die Reaktion eher zurückhaltend. Aufgespießt wird nur, dass es im Licht seiner Enthüllung rückblickend völlig absurd wirkt, dass ausgerechnet Grass Kohl für dessen Händedruck mit US-Präsident Ronald Reagan auf dem Friedhof in Bitburg attackierte, weil dort auch Waffen-SS-Männer liegen. Die NS-Verstrickung an sich wird nicht attackiert - zu viele CDU-Parteimitglieder hatten selbst dunkle biografische Flecken. Deshalb wirkt es auch deplatziert, dass ausgerechnet die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach, Grass vorwirft, gerade er gefährde das deutsch-polnische Verhältnis.

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