Gruppe 47
Die Suche nach der verlorenen Zeit

Die Rolle der „Gruppe 47“ für die deutschen Literatur ist legendär. Nach dem zweiten Weltkrieg trafen sich zeitgenössische Autoren, darunter Günter Grass und Martin Walser, um die Vergangenheit zu bewältigen und die Weichen für die Zukunft zu stellen. Doch zum 60. Jahrestag mehren sich die Zweifel, ob die Gruppe unter der Leitung von Hans Werner Richter tatsächlich etwas bewegt hat.

BERLIN. Auch heute noch löst die Gruppe 47 Diskussionen aus: War die am 10. September 1947 gegründete Bewegung von Schriftstellern und Intellektuellen wirklich die wichtigste Literatengruppe nach dem Zweiten Weltkrieg? Zumindest die Liste der Autoren wie Günter Grass, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Peter Handke, Siegfried Lenz und Martin Walser lesen sich auch heute noch wie ein Lexikon der deutschen Nachkriegsliteratur. Doch war die Gruppe 47 um den vor vielen Jahren verstorbenen Initiator Hans Werner Richter der zentrale Impulsgeber für Gesellschaft und Kultur? Welche politische Rolle spielte sie im Nachkriegsdeutschland wirklich? War die Literatur nicht auch restaurativ und anachronistisch?

Das Jubiläum fordert die bewährten Kämpfer nochmals heraus. Die alten Recken Günter Grass und Martin Walser betreten am heutigen Freitagabend die Arena gemeinsam. Auf Einladung des Medienkonzerns Bertelsmann diskutieren sie im Berliner Theater am Schiffbauerdamm über „Sechzig Jahre danach“. Walser bekam den äußerst begehrten Preis der Gruppe 47 bereits als junger Autor 1955 und Grass drei Jahre später. Grass, der durchweg treue Parteigänger der Sozialdemokraten, und Walser, einst Fan der kommunistischen DKP und heute konservativer Querschreiber, werden sich bei diesem literarischen Duell zweifellos viel zu sagen haben. Die beiden Groß-Autoren sind Protagonisten der Kontroverse um die Gruppe 47.

Walter Jens, der Tübinger Rhetorik-Professor, hat die Gruppe 47 in fein gedrechselten Worten längst unfreiwillig entlarvt. Er fragt: „Hans Werner Richters Schriftsteller-Kongregation: eine Gesellschaft, in der man eine neue Form der Mensur, alle gegen einen, vorexerziert und Verrisse die Bedeutung von Schmissen gewinnen, die einer in Ehren erwarb?“ Die Antwort von Jens lautet Nein. Doch war der Auslesewettbewerb bei den Treffen in abgelegenen Orten wie Saulgau, Niendorf, Burg Rothenfels oder Schloss Bebenhausen nicht auch ein absurdes Ritual?

An lobenden Worten wird es angesichts des Gründungsjubiläums in diesem Jahr nicht fehlen. Vielen Mitgliedern der Gruppe 47 hat die Literaturgeschichte längst ein Denkmal gesetzt. Da macht das in zwei Wochen erscheinende Buch „Hans Werner Richter und die Gruppe 47“ beim Verlag Langen Müller keine Ausnahme. Der Band ist der Nachdruck eines Buches aus dem Jahre 1979. Es entstand aus einer Rundfunksendung mit dem Titel „Wie entstand und was war die Gruppe 47?“.

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