Günter Grass – ein Nachruf
Alles Schöne ist schief

Günter Grass hat uns beglückt und bestürzt. Genau dafür lieben wir ihn weiter. Ein Nachruf auf den verstorbenen Literaturnobelpreisträger.
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Günter Grass, der Feind alles Endgültigen, ist gestorben. Heute in Lübeck. „Wer dauernd Endgültiges zu sagen bemüht ist, der kommt über Plattitüden nicht hinaus“, hat er selbst festgestellt. Also soll hier kein Urteil stehen, sondern nur eine Beschreibung, eine die sich verändern wird in der Perspektive derjenigen, die ihn künftig lesen. Denn lesen müssen wir ihn weiter. Unbedingt.

Grass war ein Intellektueller, er war ein politischer Kopf, er war ein Quer- und Quälgeist – das alles ist endgültig vorbei. Was Grass aber bleibt, ist: ein deutscher Dichter. Einer der besten, die in den vergangenen 50 Jahren in Deutschland über sehr deutsche Themen so geschrieben haben, dass die Welt aufhorchte. Der Mann mit dem kantigen Gesicht und dem Schnauzbart wurde 87 Jahre alt, ging einst in Danzig zur Schule, erlebte den zu Ende gehenden Krieg als Luftwaffenhelfer und Mitglied der Waffen-SS.

Letzteres offenbarte er erst als er schon fast 80 war – ein bisschen spät für einen, der die Verstrickungen der Kriegsgeneration immer wieder zum Thema seiner Romane und Gedichte gemacht hat, monierten Kritiker. „Alles Schöne ist schief“, hätte Grass als Zitat aus dem eigenen Zitatenschatz zur Antwort geben können.

1958 las Grass zwei Kapitel aus seinem noch unfertigen Erstling vor. „Die Blechtrommel“, sollte er heißen und ist geschrieben aus der Perspektive eines gewissen Oskar Matzerath, der mit vollständig entwickeltem Verstand in Danzig zur Welt kommt und an seinem dritten Geburtstag erfolgreich beschließt, nicht größer als die bis dahin erreichten 91 Zentimeter zu werden. Als scheinbar ewiges Kind berichtet er über die Welt der Erwachsenen. Der Roman ist komisch, traurig, gewaltig. Er begründet Grass‘ Ruhm und gab den Ausschlag, dass er 1999 den Literatur-Nobelpreis erhielt. Seit den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann hatte es so etwas nicht gegeben. Volker Schlöndorf verfilmte „Die Blechtrommel“ oscarreif.

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, mit dem Grass eine Hassliebe verband, schildert seine erste Begegnung mit dem jungen Autoren und seinem Werk so: Es sei ein langweiliger und uninteressanter Nachmittag in Warschau gewesen, an dem er sich mit einem unseriös wirkenden, schmuddeligen Mann zu beschäftigen hatte, dessen Beschreibung an die eines Alkoholikers erinnert. Dieser erzählte ihm zu allem Überfluss auch noch von einem Roman, den er gerade in Arbeit hatte und der sich um einen buckeligen Zwerg in einer Irrenanstalt drehte. Reich-Ranicki wollte von diesem Werk nichts weiter hören und hielt es wie auch seinen Verfasser vorab für gescheitert. Er revidierte bald seine Meinung über die „Blechtrommel“, spätere Romane wie etwa „Ein weites Feld“ und „Die Rättin“ aber verriss er vernichtend.

Die Erinnerungsarbeit über deutsche Schuld und die literarische Kompensation des Heimatverlustes prägen das Werk von Grass. Das Thema ließ ihn nie los. Nicht nur in der frühen „Danziger Trilogie“, zu der neben der „Blechtrommel“ auch „Katz und Maus“ und „Hundejahre“ gehören, sondern auch in der späten Novelle „Im Krebsgang“ dominiert dieses Thema. Grass schildert darin das Schicksal der zwölf Millionen Vertriebenen am Beispiel des Untergangs der „Wihelm Gustloff“ 1945, die mit Tausenden Flüchtlingen an Bord in der Ostsee von einem russischen U-Boot versenkt wurde.

1982, nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition, trat Grass der SPD bei - um sie zehn Jahre später aus Protest gegen die von den Sozialdemokraten getragene Asylpolitik wieder zu verlassen. 2010 erschien sein autobiographisches Werk: „Beim Häuten der Zwiebel“, in dem er eben mitteilte, selbst bei der Waffen-SS gewesen zu sein, bevor er verwundet wurde und in Kriegsgefangenschaft geriert. Er habe die Waffen-SS, deren Brutalität in Geschichtsbüchern aufs genaueste dokumentiert ist, damals eher „als Eliteeinheit“ gesehen, berichtete Grass, „die doppelte Rune am Uniformkragen war mir nicht anstößig.“ Die Naivität des Intellektuellen mag Erstaunen hervorrufen - aber eben nur bei denen, die Endgültigkeiten lieber serviert bekommen als Veränderungen.

Gustav Seibt schrieb damals über Grass in der „Süddeutschen Zeitung“: „Die Generation der in den späten zwanziger Jahren geborenen letzten Kriegsteilnehmer war noch im Abgrund, aber nicht so tief, dass sie sich nicht daraus hätte befreien können.“ Das möge die enorme Produktivität dieser Menschen erklären. Ihre Generation beschreibt Seibt mit den Worten, sie sei ein „Wald von großen Männern, die die Geschichte der Bundesrepublik bis heute prägen“. Es wäre eine Plattitüde zu sagen, der Wald habe sich jetzt gelichtet. Allerdings würde Grass dieses sehr deutsche Bild des Waldes vermutlich sogar gefallen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Günter Grass – ein Nachruf: Alles Schöne ist schief"

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  • Wenn man sich dann aber jahrzehntelang als DIE moralische Instanz aufgespielt hat und den Menschen hier nur seine eigene Moral und Meinung als die einzig Wahre aufgedrängt hat, dann ist so ein sehr spätes Bekenntnis nur noch peinlich!
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    Genau so machen es aber die Kolonnieal-Mächte und der Staat Israel, die oft über Jahrhunderte die Menschenrechte in den Dreck getreten haben. Aber Grass hatte wenigstens den Abnstand, dass er datzu stand, was er mal (mit) gemacht hat. so gesehen, steht Grass um Stufen weiter oben auf der Ethik-skala, als diese Kriegstreiber, die uns noch immer mit den Sachen des WK-II kommen.

  • Nun ja, für mich persönlich stehen die beiden anderen Werke aus der "Danziger Trilogie" der "Blechtrommel" in puncto sprachlicher Virtuosität in nichts nach.
    Als "One-Hit-Wonder" würde ich Günter Grass also nicht bezeichnen.
    J.D. Salinger hatte jedoch aus meiner Sicht im Gegensatz zu Grass alles richtig gemacht. Ich denke, Salinger kam zu der realistischen Einschätzung, dass ihm kein weiteres Meisterwerk wie "The Catcher in the Rye" mehr gelingen würde.
    Wozu (wenn nicht aus rein materiellen Gründen) dann noch weiter Bücher schreiben, die die hohen Erwartungen natürlich enttäuschen müssen??
    Salinger wählte die ganz radikale Lösung (vergleichbar vielleicht mit Patrick Süskind): er entzog sich komplett der Öffentlichkeit und wurde ein Phantom - was aber die Legende am Leben hielt.
    Ich glaube, sogar Marcel Reich-Ranicki hat (sinngemäß) einmal gesagt, dass es in der Literatur nur zwei wirklich große Themen gibt: Liebe (und Hass) + Krieg (und Frieden). Die größten Werke der Weltliteratur behandeln daher auch beide Themen - wie z.B. Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" oder in der Trivialliteratur Margaret Mitchells "Vom Winde verweht".
    Wenn große Schriftsteller allerdings zu sehr politisch werden - und das ist natürlich nur meine eigene Meinung - lässt in aller Regel aber auch die Qualität ihrer Bücher nach...

  • Der Begriff One-Hit-Wonder ist uns aus der Pop-Musik vertraut. In der Literatur gibt es dieses Phänomen sehr wohl auch. Nicht so ganz selten ist es der Erstling, mit dem kein nachfolgendes Werk des Autors wirklich mithalten kann. Ein international bekanntes Beispiel ist "Der Fänger im Roggen" von Salinger. Der Kritiker Reich-Ranicki hat möglicherweise "Die Blechtrommel" von Grass in einem vage vergleichbaren Schaffens-Szenario gesehen - die Blechtrommel war's, die ihm wohl auch den Nobelpreis eingebracht hat,, und Reich-Ranickis literarisches Quartett hätte bei dieser gar nicht so offenen Frage vielleicht einfach stumm genickt.. Dieser Roman war ein Wunder, dem wir einfach huldigen dürfen. Niemand muss Grass zum Intellektuellen "adeln". Kühn, entschlossen, gewitzt, naiv hat uns sein Erstling aus den 50ern durch die Bonner Republik in die Gegenwart begleitet. - und eben nicht seine Tätigkeit als Aushilfsanwalt der SPD, der er sicher ernsthaft nahestand.

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